Was ist ein Aphorismus?
Das Folgende kann nur ein Versuch einer Erklärung sein!
Wer könnte das besser erklären, als die Aphoristiker selber?
“Der Aphorismus muss sitzen.
Möglichst auf einem Nadelkissen.”
Wolfgang Eschter
“Es bedarf vieler Gedanken, um einen festzuhalten.”
Stanislaw Jerzy Lec
“Ein Aphorismus ist das letzte Glied einer langen Gedankenkette.”
Marie von Ebner-Eschenbach
Ein Aphorismus lässt sich natürlich auch etwas ausgepackter definieren:
In Wikipedia liest man folgendes:
“Ein Aphorismus ist ein philosophischer Gedankensplitter, der üblicherweise als kurzer, rhetorisch reizvoller Sinnspruch (Sentenz, Aperçu, Bonmot) formuliert und als Einzeltext konzipiert wurde. Sogenannte geflügelte Worte und pointierte Zitate gelten aus literaturwissenschaftlicher Sicht nicht als Aphorismus. Erst seit dem frühen 20. Jahrhundert als eigenständige Prosagattung anerkannt und erforscht, sind Aphorismen nach wie vor eine widersprüchliche Textform.”
Oder aus “Metzler Literaturlexikon, Stuttgart, 1984 hrsg. Von G. u. I. Schweikle “:
“griech. Aphorizein = abgrenzen, definieren
Prägnant knappe, geistreiche oder spitzfindige Formulierung eines Gedankens, eines Urteils, einer Lebensweisheit. Nach Inhalt und Stil anspruchsvoller als das Sprichwort; ausgezeichnet durch effektvolle Anwendung rhetorischer Stilmittel (Antithese, Parallelismus, Chiasmus, Paradoxon) und durch auffallende Metaphorik. Als Denkanspruch bisweilen überspitzt, auf überraschende Wirkung bedacht; will den Leser verblüffen, seine Kritik herausfordern.”
Klar ist: Die Aphoristik ist die kürzeste Literaturgattung in Prosa.
Als Beispiel sollen die nachfolgenden Aphorismen von Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach (13. September 1830 - 12. März 1916, österreichische Schriftstellerin) dienen:
Und ich habe mich so gefreut! sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut - ist das nichts?
Marie von Ebner-Eschenbach
Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.
Marie von Ebner-Eschenbach
Einen Gedanken verfolgen - wie bezeichnend dies Wort! Wir eilen ihm nach, erhaschen ihn, er entwindet sich uns, und die Jagd beginnt von neuem. Der Sieg bleibt zuletzt dem Stärkeren. Ist es der Gedanke, dann läßt er uns nicht ruhen, immer wieder taucht er auf - neckend, quälend, unserer Ohnmacht, ihn zu fassen, spottend. Gelingt es aber der Kraft unseres Geistes, ihn zu bewältigen, dann folgt dem heißen Ringkampf ein beseeligendes, unwiderstehliches Bündnis auf Leben und Tod, und die Kinder, die ihm entspringen, erobern die Welt.
Marie von Ebner-Eschenbach
Wenn ich selbst die Gestalt eines Aphorismus’ in möglichst wenigen Worten beschreiben müsste, würde es mich dazu drängen, ein einziges zu sagen: Konzentrat.
Damit ein Konzentrat von etwas entsteht, muss von diesem Etwas zuerst alles Überflüssige entfernt werden: durch Wegschütten, durch Auspressen oder durch Austrocknen. Ist nicht Tee auch ein Konzentrat? Man schüttet darüber, was vorher weggenommen wurde.
Hugo Weyermann
|