Wie entsteht ein Aphorismus?

Das Folgende kann nur ein Versuch einer Erklärung sein!

Voraussetzung

Wer eine Kartoffel finden will, muss graben. Wer Kirschen pflücken will, muss klettern. Wer Pilze finden will, muss suchen. Wer Fische fangen will, muss warten. Wer ernten will, muss pflanzen. Wer schreiben will, muss denken. Wer Aphorismen schreiben will, muss viel und lange denken. - Damit wären wir bei der ersten Voraussetzung: Man muss den Willen aufbringen zu denken und sich die Zeit dazu nehmen.

Zu simpel? Zu anspruchslos? Auf den ersten Blick vielleicht, doch bei genauerem Hinsehen wirst Du schnell erkennen, dass sich hinter “denken” und “Zeit nehmen” ganze Welten öffnen: Denken - woran? Wie lange? Zeit nehmen - wann? Wie lange? Immerhin ist Denken eine innere Beschäftigung, ein Sich-Vorstellen, ein Sich-Erinnern, ein Erkennen und ein Begreifen - also etwas Aktives. Aktiv? Passiv konsumieren wäre einfacher … Sich Zeit nehmen? Für so was? Was bringts?

Um einen Aphorismus zu schreiben, musst Du also gewisse Voraussetzungen mitbringen - wobei Bereitschaft und Wille nur ein Teil ist: es braucht (auch hier) etwas Talent und viel Übung! Als “Talent” möchte ich hier nur mal drei Eigenschaften bezeichnen: Eine schöne angeborene, anerzogene und selbst verfeinerte Persönlichkeit; Erfahrung, die man nicht nur in den gemässigten Zonen der Erde gemacht hat, sondern auch auf dem Süd- und dem Nordpol des Lebens; beharrlicher Forschergeist. Ich masse mir nicht an, hier alle Formen von Talent aufzuzählen zu können. Doch Talent alleine nützt wenig - erst durch Übung kann dieses wachsen und hübscher werden, so dass man immer wieder gerne hinschaut, ja nicht mehr von ihm loskommt.

Vom Suchen des Rohmaterials bis zum Anrichten und Servieren des Edelmenüs

Angenommen, die eben erwähnten Voraussetzungen seien erfüllt - wie weiter? Du musst nun die erkaufte Zeit so lange gewähren lassen, bis sich ein gedanklicher Freiraum ausbreitet. Das ist gar nicht so leicht, denn eine Handvoll Verpflichtungen und tausend Informationen wollen Dich daran hindern. Es ist mutig, die Zeit gewähren zu lassen! Denn was sich nun auftut ist - zumindest anfänglich - unbekannt. Zeit und Raum bieten sich an, in ihnen zu graben. Das braucht Mut, denn es wäre ja denkbar, dass man auf Angst stösst, auf Unbekanntes, auf Kurioses … Ich kann Dich aber mit den Worten von Goethe beruhigen:


Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.
Goethe

Dieses Freiraum-Schaffen ist Übungssache, ähnlich der Entspannungstechnik des autogenen Trainings: je öfter man die Technik anwendet, desto schneller stellt sich der gewünschte Zustand ein. Doch aufgepasst: es funktioniert nicht jedes Mal! Ich selbst habe damit am meisten Erfolg, wenn ich alleine im Wald spazieren gehe, oder wenn ich den Sternenhimmel betrachte, oder wenn ich mich in einer Alphütte vor den Kamin zwänge, oder auf einer Klippe stehe und übers Meer schaue, oder wenn ich einem langweiligen Referenten zuhöre und dabei einnicke, oder wenn ich einer Schar johlender und kreischender Kinder zusehe, oder …

Das Grundmaterial eines jeden Aphorismus’ liegt im Leben, dem eigenen vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Leben. Selbst wenn es im Leben Anderer läge, so wird es doch im eigenen Leben wahrgenommen und gefühlt.

Welche Gedanken beissen an? Was entdeckst Du beim Graben? Was findest Du hoch oben in der Baumkrone? Ein Thema? Eine Frage? Eine Feststellung? Ein Gefühl? Ein Ärger? Eine Freude? Ein Glück? Eine Leere? - Was immer es auch sein mag, ergreife es! Denke jetzt noch nicht an einen “fertigen” Aphorismus, denn zum einen würdest du dadurch abgelenkt und zum andern ist ja noch ungewiss, ob sich das Rohmaterial zur Herstellung eines Aphorismus eignen wird.

Lass nun weitere Gedanken um diesen einen Gedanken herum tanzen und lass es zu, dass sich immer neue Gedanken dazugesellen. Egal, woher sie kommen: aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft, von Gehörtem oder selbst Gesprochenem, von Erlebtem oder von Gesehenem, von Erhaltenem oder Gewünschtem, aus der Realität oder der Utopie - Hauptsache, sie haben was mit dem Grundgedanken zu tun. Braue Dir also ein Gedankensüppchen, blase hinein, rühre es um, rieche daran. Taugt es was? Wenn ja, dann schreibe Dir ein paar Stichworte auf einen Zettel; Reihenfolge egal, Rechtschreibung egal - man muss ein paar Gedanken aus diesem Knäuel festhalten, bevor sie sich wieder verflüchtigen. Wenn es nichts taugen sollte, dann schütte das ganze Süppchen aus, geh ein paar Schritte und mach Dich dann auf die Suche nach einem neuen, vollkommen neuen Gedanken.


Es bedarf vieler Gedanken, um einen festzuhalten.
Stanislaw Jerzy Lec

Nachdem Du nun den Grundgedanken mit ergänzenden, beleuchtenden, korrigierenden Gedanken aufgebläht hast, geht es jetzt darum, alles Füllmaterial zu entfernen. Hier, genau hier beginnt die wahre Kunst eines Aphoristikers.

Findest du nicht nur einen, sondern alle Gedanken wertvoll? Es wäre nun falsch, daraus zehn Aphorismen formen zu wollen - Du musst dich von den meisten trennen, auch von lieb gewonnenen. Du musst! Weshalb? Weil ein Aphorismus kurz sein muss und knapp daherkommen soll? Deshalb soll ich kürzen, nur deshalb? Nein, nicht nur deshalb, sondern weil Du in diesem Moment zu egoistisch bist! Und asozial. Und knauserig.

Schreibst Du den Aphorismus zu Deiner Ehre? Ein tröstender Aphorismus - für Dich selbst? Ein lieblicher Aphorismus - für Dich selbst? Ein bewegender Aphorismus - für Dich selbst? Ein erschütternder Aphorismus - für Dich selbst? - Aphorismen sind zwar auch für den Schreibenden wertvoll, aber gerichtet muss er an Andere sein, an jene, die man im Herzen trägt. Je mehr Du die spätere Leserin oder den späteren Leser liebst (obwohl unbekannt!), desto besser. Um es auf den Punkt zu bringen: Im Gedankenknäuel ist noch viel zu viel von Dir drin! Möchte denn die Leserin oder der Leser so viel von Dir haben? Was könnte sie oder er noch selbst einbringen, wenn doch schon alles gefüllt ist und gleich überquillt?

Es muss jetzt alles weg, was nicht unbedingt nötig ist, sogar noch ein bisschen mehr. Damit gibt man der Leserin oder dem Leser die Möglichkeit, Deinen Kerngedanken mit ihrem oder seinem eigenen Wesen und mit ihrem oder seinem eigenen Leben aufzuschütten. Dein Aphorismus verliert damit die Starre und wird - individuell flexibel!

Ich mache es für gewöhnlich so: Aus dem flüchtig und schludrig Niedergekritzelten versuche ich ein paar wenige Gedanken zu formen, von denen ich - noch vor dem Notieren - gleich die Hälfte wieder vergesse; die zwei, drei Sätze der Kurzfassung lese ich so lange durch, bis ich eine noch kürzere finde; dann schliesse ich das Notizbuch für mindestens vierundzwanzig Stunden und versuche, in eine alberne und harmlose Richtung zu denken - an eine Pizza oder so.

Irgendeinmal nehme ich den noch unförmigen und schalen Aphorismus wieder hervor und versuche, die vor langer Zeit gemachten Überlegungen zu rekonstruieren und die darin enthaltene Essenz zu riechen. Weshalb nur, frage ich mich dann oft, bin ich nicht schon vorher auf die Einfachheit der Sache gestossen? Ich schreibe es neu und treffender, kürzer und simpler. Nun bin ich etwas stolz und schliesse das Notizheft wieder.

Nach einiger Zeit lese ichs wieder und schreibe noch einmal um. Dann erst kommt der Aphorismus ansprechend formatiert ins Word - wo er zusammen mit anderen vorerst liegen bleibt.

Hin und wieder öffne ich die Datei mit dem Namen “pendente Aphorismen.doc” - und bin jedes Mal erstaunt: Das soll ich geschrieben haben? Die sind ja gar nicht mal so schlecht … Nur hier noch eine Wortstellung korrigieren und hier noch eine Interpunktion ändern und hier noch ein überflüssiges Wort löschen. Und immer wieder prüfen: sticht’s?, erschüttert’s?, wirft’s Fragen auf?, ist’s neu?, ist’s anders? - Und vor allem: bringt’s was?

Soweit alles klar?

Versuche jetzt zu zaubern: Kürze oder verstecke das Konzentrat! Lass Deinen Kerngedanken verschwinden und zeichne an die frei gewordene Stelle eine Schatzkarte. Eine Schatzkarte in Form von wenigen Buchstaben. Die Leserin oder der Leser soll den Code lesen und sofort Lust verspüren, nach einem Schatz zu graben. Auf der “Karte” muss aber eingezeichnet sein, wo der Schatz (dein Kerngedanke) vergraben ist.

Das wird Dir nicht immer gelingen, aber ein Versuch ists allemal wert.

Der Aphorismus ist fertig. Gratuliere!

Nun wird man mir - zurecht - vorwerfen, ich hätte auch lange Aphorismen geschrieben. Ja, das stimmt, ich gebe es zu. Wenn mir das Bild in einem Aphorismus während oder nach einem konkreten Erleben zuging, möchte ich gerne, dass die Leserin oder der Leser das Erlebte möglichst identisch nacherleben kann, denn nur so besteht die Möglichkeit, dass ihr oder ihm auch ein Bild zugeht (dem meinen ähnlich oder ein anderes, eigenes, mit den Farben des Aphorismus’ selbst gemaltes). Im Übrigen darf die Regel durchaus mal mit einer Ausnahme aufgebrochen werden, der Unterhaltung wegen …

Meine Gedankentees sind so entstanden.

Oder anders.


Was auf ein Fragezeichen folgt muss nicht immer mit einem Ausrufezeichen enden.
Hugo Weyermann