|
Meine liebe Studentin,
es wagt dich einer zu grüssen, der dich bewundert,
obwohl er das Glück noch nicht hat - es muss eines sein! -, dich
wenigstens einigermassen zu kennen. Aus der Mail, die du mir geschickt
hast, konnte ich, was dich betraf, nur entnehmen, dass du noch jung
sein und studieren musst; das sind bloss wenige und nur ungenaue Hinweise,
die kaum als so genannte Personenbeschreibung taugen; es ist etwa so,
wie wenn ich dir ein Haus beschriebe und dabei nur von dessen Ziegeln
spräche. Andererseits: ist es denn überhaupt möglich,
jemanden, oder sogar sich selbst, zu beschreiben? Bloss mit Worten kann
nicht ausgehoben werden, welche Schätze sich in einem Menschen
befinden: zu gross wäre die Ungenauigkeit, zu weit der Graben zwischen
Sichtbarem und Verborgenem. Wie soll man jemanden einem Dritten beschreiben,
wenn ein Mensch kaum sich selbst zu kennen vermag? Schliesslich sind
wir alle Wunder in Personen; Wunder aber sind nicht zu beschreiben.
Wunder?, fragst du? Schau in die Augen eines Kindes und ergötze
dich an deren Reinheit, an deren Klarheit, an deren Einfältigkeit
- siehst du das Wunder der in die Wiege gelegten Begabungen? Wie viel
mehr wir, die wir doch schon Jahrzehnte durch Enttäuschung, Täuschung,
motivierende und segensreiche Erfahrungen gewachsen sind und uns das
Leben vieles schon dazugelernt hat? Begabungen wurden zu Fähigkeiten,
Fähigkeiten zu Einsichten, Einsichten zu Wesensänderungen,
und Wesensänderungen schliesslich zu Weisheit - ach, was ist der
Mensch ein Wunder... In diesem Licht betrachtet müsste der Ausdruck
"Personenbeschreibung" als Unwort gelten und im Vokabular gestrichen
werden.
Ein Dich-Erahnen sei mir aber erlaubt.
Die Bewunderung, die dir gilt, entwickelte sich nicht
etwa gemächlich, nein, sie schoss unerwartet und wie heisses Wasser
aus einem Geysir hervor, als mein Geist vom ersten Satz deiner freundlichen
Mail angehaucht wurde: "...der Zeit einen Streich spielen..." - wie
viel Poesie allein schon in dieser schlichten Einführung; und gleich
darauf: "...etwas von ihrer Kostbarkeit zu rauben" - welch hohe Erkenntnis,
erfassen zu können, dass die Zeit diese nicht oder nur selten freiwillig
hergibt. - Ja, da ist Substanz drin, da ist Fleisch am Knochen, da bläht
sich nichts auf, da findet man nichts Plärrendes; solches lässt
immerhin ein wenig in dein ganz offensichtlich aufgeräumtes Inneres
blicken und hemmt ein liederlich oberflächliches Ziehen von Schlüssen,
was, wie eingangs dargelegt, so oder so nicht statthaft wäre.
Meiner bestürzenden Bewunderung damit aber noch
nicht genug: Deine Ausdrucksweise gleicht einem linde säuselnden
Wind, der in stiller Bescheidenheit sein Ziel zu erreichen versucht,
indem er jedes Hindernis mit Leichtigkeit umschlängelt oder überhüpft.
Da ist nichts Holperndes, da fliesst Flüssiges flüssig und
sülzt sich nicht Zähes zäh. Mir wurde klar - ja mir,
der ich doch in meiner Schulzeit das Bildungswesen zum Narren hielt!
-, dass diese Zeilen nur einem Intellekt entsprungen sein können,
der über Jahre mit viel Einsatz und manchem Verzicht behutsam gepflegt
gereift ist. Deine "Ohrtograffie" - kleiner Scherz! - lässt nichts
zu Wünschen übrig, so dass in mir der Gedanke oder vielmehr
der Wunsch erblühte, meine primitiven Texte künftig von dir
redigieren zu lassen. Selbstverständlich verwarf ich diesen überstolperten
und flegelhaften Gedanken sofort wieder, schliesslich soll man einer
Goldschmiedin nicht ein Pferd zum Beschlagen bringen.
Ich hatte noch nie in meinem Leben Gelegenheit, mich
mit einer Studentin (welchen Semesters und welcher Professur auch immer)
zu unterhalten. Dies, nicht weil ich solchen Begegnungen aus angemessenem
Scham ausgewichen wäre, nein, vielmehr verspürte bisher wohl
noch keine herrlich mit Intelligenz Beschenkte Lust, mit mir über
Gott und die Welt zu parlieren. Ich stimme, verstehe mich richtig, nicht
ein Klagelied an, sondern erkenne einfach ein gesellschaftliches Regelwerk,
dessen Gebäude gleich nach dem Rausschmiss aus dem Paradies erbaut
wurde und das ich zu akzeptieren bisher kaum Mühe hatte: Welcher
gereifte und nun ehrenwerte Intellekt will sich denn schon einem Primaten
wie mir annehmen? Es belustigt mich deshalb heftig, dir ein paar meiner
billigen Zeilen hinzuwerfen und gleichzeitig meiner Hoffnung Ausdruck
zu geben, du würdest mein Gelalle nicht zu arg verschmähen,
sondern darüber lächeln; und lächeln, sofern es nicht
niederträchtig ist, hat noch niemandem geschadet, oder etwa nicht?
Ehrlich: die fünf, sechs Bücher, die ich in meinem doch schon
langen Leben gelesen habe, vermögen mir nicht die Arroganz aufzubürden,
mich als "belesen" zu betiteln. Das Gegenteil ist der Fall: ich lese
Bücher nur ungern, weil sie mir einfach zu dick sind, und ich beichte
diesen Makel, der einer groben und nachhaltigen Unterlassung gleichkommt,
hemmungslos und zuweilen auch öffentlich. Um so mehr bewundere
ich dich, die du dich doch durch unzählbar Gelesenes bestimmt in
einer herrlichen, schon manches überblickenden, zarten Atmosphäre
wolllusten darfst (hier, ich gebe es zu, ist mir leider eine zu verachtende
Wortfolge gelungen: "...ich dich, die du dich doch durch..."; ich ersuche
dich, mir diesen Zungenbrecher zu verzeihen).
Deinen Text, auf den du mich aufmerksam machtest und
der auf einer von mir schon flüchtig besuchten Homepage veröffentlicht
sein soll, werde ich mir bei günstiger Gelegenheit gerne zu Gemüte
führen und bin schon auf diese weiteren Köstlichkeiten deines
literarischen Schaffens und auf die Trouvaillen aus hochanständiger
Gelehrtheit gespannt. Apropos Homepage: Solltest du mal ein in deinem
Fall zwar absurd scheinendes aber dennoch berechtigtes Bedürfnis
haben oder eine dir gewiss nicht übel zu nehmende Lust verspüren,
dich eine Zeit lang von Hochbegabtem abzuwenden um mutig dich Banalem
hinzugeben, so weise ich dich auf die Möglichkeit hin, einige meiner
Texte aus dem Netz der Netzwerke zu holen um sie dir dann am Bildschirm
anzeigen zu lassen. Ich nehme mir diesen Hinweis heraus, weil ich weiss,
dass selbst Genies gerne mal Sand schaufeln oder barfuss durch Pfützen
waten, denn sogar Intellektualität kann die Urbedürfnisse
eines Menschen auf Dauer nicht kaschieren: Hin und wieder bricht die
Schale auf, die sich aus Materialien wie Charakter, Erziehung, Schulung
und Erfahrung gebildet hat, und das kleine tolpatschige Küken originärer
Kindlichkeit äugelt verstohlen heraus und will hemmungslos lässig
unterhalten sein.
Was mich brennend interessiert: In welche Richtung und
in welcher Lichtung studierst du? Und an welcher Fachakademie? Es freute
mich, dies zu erfahren. Meiner Wenigkeit war es mangels Begabung und
wegen erbärmlichem Lernwillen nicht vergönnt, den Wedel einer
der vielen interessanten Wissenschaften zu packen um mich dann daran
bis zu dessen Haupt emporzuschwingen; ich war schon stolz, Primar-,
Sekundar- und Berufsschule ohne nennenswerte Schäden - an den Schulen,
wohlgemerkt! - hinter mich zu bringen. In der letztgenannten schrieb
man mir in Französisch eine wohlverdiente und gerade deswegen zu
verachtende Zweikommadrei ins Zeugnisheft, was meine in dieser Hinsicht
bedauernswerten Eltern veranlasst hatte, mich nach Genf abzuschieben;
eben der fehlenden Mehrsprachigkeit wegen. Zum guten Glück!, darf
ich heute sagen, denn in dieser Jet-d'eau-Stadt habe ich nicht nur gelernt,
mich mit Welschen in Welsch zu unterhalten, sondern ich lernte leben!
In dem Sinn nämlich, dass ich von da an sämtliche sich mir
in den Weg stellen wollenden Probleme mit einem Achseln zuckend legèren
"Bouf" zurück in die Wüste "envoyte". Wieder in der "Suisse
allemande" verlor ich leider nach und nach diesen Mut, weil ich mich
mehr und mehr davon übertölpelt fand, dass hier offenbar nur
als glücklich gelten darf, wer Sorgen hat und zudem plausible Gründe
darlegen kann, sich gestresst zu fühlen.
Zurück zu deiner Post: Auf Grund dessen, was du
mir zum Lesen schenktest, musst du dir einen Rat gefallen lassen: Du
solltest mehr schreiben! Schreiben ist Töpfern mit Gedanken, Schreiben
ist Musizieren mit Worten, Schreiben ist Spielen mit Buchstaben; Schreiben
heisst auch schreien und flüstern zugleich, Schreiben ist sowohl
Nachahmung als auch Improvisation, harte Arbeit wie Vergnügen,
Lust wie Frust. Ach, wie oft sah ich mich schon beim Schreiben lachend
und dann wieder weinend, wie oft löschte ich ganze Absätze
um wenig später mich an einem einzigen Satz derart zu freuen, dass
ich siegessicher ins Freie gehen und mir eine Zigarette anstecken musste.
Beim Schreiben gehts auf und ab, zuweilen drunter und drüber; Hochs
und Tiefs geben sich dabei die Hand, Emotionen spielen mit dir "Eile
mit Weile" während das virtuelle Publikum schon ungeduldig auf
das Öffnen des Vorhangs wartet. Egal, ob das Verfasste einmal jemand
lese oder nicht, egal, ob bald eine Welle die Sandburg unterspülen
wird und diese damit zusammenbrechen lässt: der Text ist dein Kunstwerk,
deine Kreation, deine Erfindung, dein Kind, deine Liebe. Und du hast
was zur Welt gebracht, das sie - wer weiss? - verändern wird. Schreiben
heisst auch, in dir schlummernde Gestaltungskraft scheu hervorwagen
oder hemmungslos hervorbrechen zu lassen; eine Kraft, die womöglich
imstande ist - wer weiss? -, skurrile Gestalten etwas ausgewogener werden
zu lassen. Schreiben ist auch Therapie: ein Darum-Ringen entfällt,
in dieser Information vergötternden Welt endlich auch mal zu Wort
zu kommen! Schreiben hat - erlaube mir diese Parallele - auch was Schizophrenes
an sich: du hörst auf dich und redest mit dir! Ein solches harmonisches
Beieinandersitzen ist eine leider in Vergessenheit geratene feierliche
und höchst erbauliche Zeremonie. - Du siehst, mein Rat ist durchaus
ein begründeter; umso mehr man deine Begabung, dich auszudrücken,
nicht genug loben kann.
Das Entkräften einer in deiner Mail erwähnten
Vermutung sei mir am Schluss noch erlaubt: Ohne den Aufwand mit einzurechnen
(und der ist kaum in Zahlen zu fassen) habe ich mit meiner Schreiberei
bisher nicht wesentlich mehr verdient, als meine Kinder Taschengeld
von mir kriegen; ich darf also annehmen, dass deine Bemerkung, du wollest
mich nun wieder ziehen lassen, auf dass ich mit Literatur meine Familie
ernähren könne, nur eine ironische Metapher war. Solange ich
es nicht schaffe, etwa im schweizerischen "Brückenbauer" oder im
deutschen "Spiegel" mehrere Spalten mit auf meiner Tastatur Geschriebenem
füllen zu dürfen, werde ich weiterhin auf die Halde schreiben
- weshalb auch immer ich das tue.
Zum Schluss muss ich dir gestehen, dass ich beim Verfassen
dieses Briefes keine Mühe scheute, um Inhalt und Gestalt so zu
wählen, dass ich danach werde hoffen dürfen, dich damit nicht
zu langweilen; ich masse mir an, es sei mir gelungen. Dass ab und an
ein miefiger Duft aus den Sätzen strömt und der Text in erster
Lesung etwas gekünstelt daherkommt, war meine Absicht. Schliesslich
wird man heutzutage von "Fast-Food-Literatur" nur so überschwemmt;
da kann es doch sehr köstlich sein, mal über eine währschafte
und gut gesalzene Rösti herzufallen.
Ich versichere dir meine aus liebem Herzen kommenden
Grüsse und wünsche dir viel Erfolg in allen Bereichen deines
jungen und nicht nur deshalb noch viel versprechenden Lebens.
gez.: Hugo
|