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GastautorenInnen auf undsoweiter.ch |
Hinter Glas |
von ManuelaVerfasst: 16-jährigAlle Rechte bei der Autorin |
| Mein Name ist Salome. Ich bin ein zwölf Jahre altes Mädchen. Ich bin sehr still, zurückhaltend. Meine Lehrerin hat auch schon mit meinen Grosseltern gesprochen. Meine Eltern sind tot, sind im Krieg umgekommen. Meine Grosseltern sind mit mir geflüchtet, weit weg von den Bomben, und dem Ort, in dem meine Eltern gestorben sind. In meinem neuen Zuhause fühle ich mich wohl, aber glücklich bin ich nicht. Ich schaue viel aus dem Fenster meines karg eingerichteten Zimmers. Ich sehe die Kinder, wie sie lachen und spielen. Wie gerne würde ich die Stiege hinunterlaufen, die Haustür aufreissen und mit den Kindern spielen. Doch sobald ich draussen bin, fühle ich mich nicht mehr sicher, denn ich bin den Blicken der Leute immer hilflos ausgeliefert. Dann gehe ich schnell in mein Zimmer zurück und hinter das kleine Fenster. Die Leute schauen mich an, mit abstossenden oder traurigen Blicken. Nicht, weil ich hässlich bin, ich bin zwar meistens etwas bleich, habe aber schöne, dunkle Augen. Nein, die Leute schauen wegen meines Armstumpfes. Deshalb packt mich die Angst, wenn ich draussen bin und deshalb bin ich so still. Ich merke, dass ich anders bin als die Kinder, welche draussen spielen. Als ich sie einmal fragte, ob ich mitspielen dürfe, hatten sie Angst. Sie wussten nicht, dass ich ihnen nichts tun wollte, dass ich bloss spielen wollte. Seit diesem Ereignis gehen sie mir aus dem Weg. Früher, als meine Eltern noch lebten, als es noch keinen Krieg gab, war ich glücklich. Ich lachte, hüpfte und tanzte. Damals war es noch schön...! In der Schule versuche ich so zu sein, wie die Anderen, mit ihnen zu lachen und zu scherzen. Aber dann kommen plötzlich wieder diese schrecklichen Bilder in mein Bewusstsein zurück und mir kommen die Tränen. Die anderen Kinder verstehen mich nicht, einzelne lachen mich aus. Meine Lehrerin will mir helfen, versucht mich zu trösten, aber es gelingt ihr nicht. Ich hasse diese Menschen, welche mir meine Eltern genommen hatten, mich zum Krüppel machten. Ich hasse sie! Und doch muss ich so leben, mein Leben leben - aber wie sieht mein Leben aus? Wie soll es weitergehen? Nach der Schule gehe ich allein nach Hause. Ich habe keine Freundin, keine Person, welcher ich meine Vergangenheit anvertrauen könnte, meine Gedanken und Gefühle. Meine Grossmutter hat ein Trauma vom Krieg her, sie schweigt und sagt nichts. Sie isst auch nicht viel, sozusagen gar nichts. Ich habe manchmal angst, sie könnte auch fortgehen, mich verlassen wie meine Eltern. Ich habe Angst. Als ich die Sirene eines Krankenautos höre, beginne ich zu rennen. Meine nackten Füsse schmerzen vom harten Asphalt, aber ich achte nicht darauf. Als ich um die Ecke unseres Hauses komme, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Ich sehe gerade noch, wie sie meine Grossmutter mit einem weissen Tuch zudecken. Der Blick meines Grossvaters streift mich. Seine Augen sind gross und stumpf, nur seine Träne glänzt. Seine Lippen formen stumm die Worte „warum sie?“. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ein dicker Kloss hat sich dort gebildet. Ich renne zu dem weissen Leintuch, ziehe es weg und betrachte das weisse Gesicht meiner Groma. Die Züge in ihrem Gesicht sind ruhig und entspannt. Sie sieht zufrieden aus. Ich streiche die Haare aus ihrer Stirn, betrachte ihre Zufriedenheit. So schön hat sie schon lange nicht mehr ausgesehen. Dann gehe ich, ohne mich umzuschauen, in mein Zimmer, setze mich hinters Fenster und schaue den Kindern beim Spielen zu. Eine kleine Träne sickert aus meinem Auge, läuft langsam die Wange hinunter und wird von meinem zerrissenen Hemd aufgesogen. |
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