|
Der Mond ist dünn und die Sterne befinden sich in einem Streik: es ist dunkel, verflucht dunkel. Wahrscheinlich aus Kostengründen hat man den Strassenlampen schon seit mehreren Stunden den Strom abgedreht; es dürfte weit nach Mitternacht sein.
Marc Röösli kämpft sich Meter um Meter vorwärts und versucht verbissen, seinen Körper aufrecht zu halten: die Beine vermögen ihn kaum mehr zu tragen, sie wollen immer wieder einbrechen. Wo bin ich hier eigenlich?, fragt er sich und will seinen gesenkten Kopf ein paar Zentimeter hochziehen, doch selbst dafür fehlt ihm die Kraft. Nach wie vor tropft Blut von seinen Haaren, aber endlich nur noch tröpfchenweise.
Die Nacht ist kalt und ein undefinierbarer Geruch liegt in der Luft: Es ist Januar.
Riecht Blut so?, überlegt sich Marc, fällt dann in sich zusammen und sinkt wie ein Mehlsack auf den Gehsteig. Er bleibt bewegungslos auf dem Rücken liegen. Nur seine Augen vermag er noch einmal zu öffnen, denn es dünkt ihn, als falle jetzt Licht in sein Gesicht: "Haltestelle Petermoos" liest er, dann versinkt er in einem Schwall von wirren Träumen seines Unterbewusstseins.
Ein wunderschöner Tag. Keine Wolke am Himmel und die Sonne strahlt auf das verträumte, Schnee bedeckte St. Moritz. Inmitten der vielen Häuser mit dicken Mauern, kleinen Fenstern und prächtigen Wandmalereien steht ein Haus mit Namen "Rose". Dem Namen endsprechend ist auch die Familie: In diesem Haus mit wunderschönem Ausblick auf das Alpenpanorama leben die Rööslis - eine Grossfamilie, der es an nichts fehlt. Der Vater ist Besitzer eines kleinen Skiwachs-Unternehmens, die Mutter ist voll und ganz mit ihren fünf Kindern beschäftigt. Eines davon ist Marc, vierzehn Jahre alt. Seine um zwei Jahre ältere Schwester Fanny besucht das letzte Schuljahr und ist meistens nur noch zum Schlafen zu Hause. Seine Zwillingsbrüder Mauro und Mario sind erst zehn. Und dann ist da noch sein sechsjähriger Bruder Flurin.
Es sind Weihnachtsferien; Pulverschnee und Sonne kurbeln den Tourismus in den Wintersportorten Gewinn versprechend an; so auch in St. Moritz. Um fünf Uhr kommt Marc vom Skifahren nach Hause, denn die Lifte sind gestoppt worden. Zudem breitet sich hier oben die Kälte der Nacht rasch aus. Seine drei Brüder sind auch schon zu Hause und sitzen vor der Glotze. Alles ist in Ordnung - bis ihr Vater mit einem Brief nach Hause kommt.
Wie immer setzt sich das Familienoberhaupt auf den alten, währschaften Stuhl, welcher bestimmt manches über drei oder vier Generationen der Familie Röösli zu berichten wüsste. Weil das Schnauben bereits zu Vaters Ritual gehört, nimmt es niemand mehr zur Kenntnis.
Gemächlich klaubt er nun sein Sackmesser aus der Hosentasche, klappt die lange Klinge aus und schlitzt damit den Umschlag an dessen oberen Kante auf. Der Absender ist ein gewisser, ihm unbekannter "Prof. Dr. Klaus Meier", er soll einem Institut namens "SIO - Scientific institute for organ donors" angehören, mit Sitz in Zürich.
Mit kaum erkennbaren Lippenbewegungen liest er sich selbst vor:
Sehr geehrter Herr Röösli,
es ist uns eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass unser Institut die langjährige Forschung im Bereich "artificial kidney transplantation projekts" nun mit viel Erfolg, der sowohl von Fachkreisen als auch von der Öffentlichkeit anerkannt und gewürdigt wird, zum Abschluss bringen konnte.
Ihr Sohn Marc hat seinerzeit durch das Ausfüllen unseres Fragebogens wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen. Ohne diese statistische Erhebung hätte der Abschluss dieses Projektes bestimmt um Monate, wenn nicht um Jahre, hinausgeschoben werden müssen.
Es ist uns ein Bedürfnis, allen interviewten Personen unseren Dank persönlich auszurichten und ihnen bei dieser Gelegenheit ein kleines Präsent zu überreichen. Wir bitten Sie deshalb höflich, sich telefonisch bei unserem Sekretariat zu melden, damit ein geeigneter Termin gefunden werden kann. Selbstverständlich wird unser Institut für die Reisespesen ihres Sohnes aufkommen.
Wir wünschen Ihnen... Mit freundlichen... Prof. Dr. Klaus Meier
"Marc", ruft der Vater und legt den Brief zusammengefaltet auf den Tisch.
"Ja?"
"Komm doch bitte mal her."
Marc setzt sich gegenüber seinem Vater an den Tisch, zeigt auf den Brief und fragt: "Ist der für mich?"
Der Vater legt die rechte Hand aufs Papier: "Kannst du dich daran erinnern, einmal einen medizinischen Fragebogen ausgefüllt zu haben?"
"Einen medizinischen... - nein, bestimmt nicht."
"Es handelt sich", erklärt der Vater mit gewohnt ruhiger Stimme, "um ein wichtiges Forschungsprojekt, wie mir scheint. Aber vielleicht ist es ja auch nur ein dummer Scherz."
Marc will den Brief auch mal haben und liest ihn drei Mal durch. Etwas versteht er nicht: Es wird da von Reisespesen gesprochen, für die das Institut "selbstverständlich" aufkommen würde, aber wohin die Reise gehen soll, davon steht kein Wort.
Vater Röösli entschliesst sich, sofort dieses Institut - oder besser: dieses "Sekretariat" - anzurufen und dem Professor ausrichten zu lassen, dass es sich bestimmt um ein Missverständnis handle - doch er zögert: "Es ist nicht mal ein Briefkopf mit Absender vorhanden."
"Wo kann man sich denn da telephonisch melden?", fragt er erstaunt und leicht verärgert seine Frau, die gerade von der Küche kommt. Er streckt ihr stumm den Brief hin. Mutter Röösli entfaltet und liest ihn im Stehen.
"Hm...", vermutet sie nach einer Weile, "das ist vielleicht dieser Professor, mit dem ich kürzlich gesprochen habe, oben in der Alpina-Hütte. Er wollte unbedingt, dass ich seine Skier anschauen komme; dann erzählte er mir was von einem neuartigen Ski-Wachs. Ein komischer Kauz. Woher wusste der eigentlich, dass wir im Wachsgeschäft tätig sind? - Ach, was solls: Wir werfen den Brief am besten weg, das ist bestimmt einer von diesen Spinnern, wie es solche unten im Flachland viele gibt."
Marc lässt das Ganze aber keine Ruhe: am nächsten Morgen klaubt er heimlich den Brief aus dem Altpapier und steckt ihn in seine Hosentasche. Dann springt er auf sein Bike und radelt zur Schule.
"Heute fällt der Deutschunterricht aus", begrüsst ihn Jan, sein Pultnachbar.
"O.K., sonst noch was?", flegelt Marc.
"Oh, Marc ist wohl noch nicht ganz ausgeschlafen, der arme, was?", hänselt Jan, "Hat heute bestimmt seine Morgenmilch noch nicht gekriegt?"
"Und weshalb kein Deutsch?", ignoriert Marc die Pöbelei.
"Irgend so 'n gescheiter Typ vom Unterland hält statt dessen einen Vortrag. Kommt aus Zürich, glaube ich. Ein Professor - wird bestimmt gähnend."
Marc lässt den Stapel Hefte und Bücher auf die Pultplatte knallen: "Ein Professor aus Zürich?", schnaubt er Jan an, "Wie heisst er?"
"Steht vorne an der Tafel - und frag das nächste Mal bitte etwas höflicher."
Marc liest - und traut seinen Augen nicht: "Der Mensch, ein unbezahlbares Wesen", steht da als Überschrift, und darunter: "Ein Vortrag von Prof. Dr. Meier".
Marc weiss nicht recht, was er davon halten soll. Ist das nur ein merkwürdiger Zufall? In seinem Kopf gruppieren sich die Gedanken zu trüben Thesen. Marc ist sich nach wie vor sicher, dass er nichts mit diesem "Fragebogenausfüllzeugs" zu tun hat. Was will also dieser komische Professor Doktor Meier genau hier und jetzt? In dieser Schule? In seiner Klasse? Er versucht, seine Gedanken als Hirngespinst abzutun und folgt seinen Klassenkameraden runter in die Aula.
Ich bitte um Ruhe! - Es freut mich sehr, Sie zu meinem Vortrag "Der Mensch, ein unbezahlbares Wesen" begrüssen zu dürfen. Ich bin Professor Doktor Meier, Vorsitzender des Institutes "SIO", welches vorwiegend im Bereich "artificial kidney transplantation projects" tätig ist. Meine bisherigen Auszeichnungen: ...
Dann ging das Ganze in ein einziges gähnendes Gelalle über - eine volle Stunde! Viele der gelangweilten Schülerinnen und Schüler fragen sich, ob der gute Herr auch nur eine leise Ahnung von dem hat, was er von seinem Manuskript abliest. Marc vermutet sogar, der Professor habe keinen blassen Schimmer von der Materie und trage völlig unstrukturierte und vom Zusammenhang losgelöste Theorien vor. Und von Rhetorik habe der Typ auch noch nie was gehört - eine richtige Schlaftablette. Was Marc sehr eigenartig vorkommt, ist, dass dieser Professor seine Augen immer wieder nervös durch das Publikum schweifen lässt, so, als ob er unbemerkt jemanden suchen würde.
Am Abend dann, gleich nach dem Nachtessen, fragt er seine Mutter: "Du sagtest mir doch mal, dass ich in St. Gallen zur Welt gekommen bin. Stimmt doch, oder?"
"Na klar! Mein Gynäkologe hat mir damals geraten, in dieser Klinik zu gebären. Man vermutete, es könnte bei der Geburt Komplikationen geben - aber es lief alles rund, zum Glück. Und heute bist du der schönste Bub im ganzen Kanton Graubünden."
"Es gab also keine Komplikationen?"
"Nein. Die haben dich nach der Geburt zwar etwas gründlicher untersucht als andere Babys, aber das war eine reine Vorsichtsmassnahme."
"Hm..., gründlicher untersucht, sagst du. - Weisst du noch, wie der Typ hiess, der mich 'etwas gründlicher' untersucht hat?"
Die Mutter lacht: "Wie könnte ich diesen jungen, hübschen, strammen Kerl vergessen? Immerhin war ich ja damals noch etwas jünger als heute, ha! 'Dr. Severin Störensen' - auch sein Name ist beeindruckend, nicht? Aber weshalb willst du das wissen?"
Marc hebt für einen Augenblick seine Schultern: "Ach nur so. - Warst du denn bei dieser Untersuchung dabei?"
"Nein, die legten dich erst wieder zu mir ins Bett, als sie genau wussten, dass alles in Ordnung war. Zu jener Zeit wurden die Geburtsabteilungen noch steril gehalten, weisst du, fast wie Operationssäle: es war üblich, dass die Mutter ihr Baby nicht sofort nach der Geburt auf den verschwitzen Bauch gelegt bekam. - Willst du einen Apfel?"
"Nein, jetzt nicht, danke", winkt Marc ab und steht auf: "Ich geh noch kurz zu Jan rüber, wegen der Deutsch-Prüfung von morgen."
Vor der Telefonzelle beim Bahnhof stellt er sein Bike ab, geht hinein, lässt sich vom elektronischen Telefonverzeichnis die Nummer geben und wählt.
"Hier spricht Marc Röösli. Könnte ich bitte Doktor Störensen sprechen?"
"Doktor Störensen?", antwortet eine Frauenstimme, "Ich glaube, der ist schon lange - einen Moment bitte."
Weshalb tu' ich das?, fragt sich Marc während er wartet, weshalb lasse ich mich nur auf so was ein? Dann unterbricht die Frau Marcs Zweifeln: "Wie ich vermutet habe: Doktor Störensen hat unsere Klinik schon vor langer Zeit verlassen. Er arbeitet jetzt in Zürich - soll ich Ihnen die Nummer geben?"
Marc unterdrückt weitere Zweifel und wählt, ohne zu zögern, die eben notierte Nummer: "Hier spricht Marc Röösli. Könnten Sie mich bitte mit Doktor Störensen verbinden?"
"Herr Professor Störensen? Einen Augenblick."
"Hier Störensen?"
"Grüss Gott Herr Störensen, hier spricht Marc Röösli."
"Was kann ich für Sie tun, Herr..." - dann bleibt die Leitung für zwei Sekunden still. - Schliesslich wiederholt sich der Angerufene: "Was kann ich für Sie tun, Herr Röösli?"
"Ich soll Ihnen liebe Grüsse von Professor Klaus Meier ausrichten", schwindelt Marc.
Wieder legt sein Gesprächspartner eine Pause ein und antwortet nicht sofort. Dann stellt er eine Gegenfrage: "Sollte ich einen Professor Klaus Meier kennen?"
Auch Marc antwortet nicht auf die ihm gestellte Frage: "Auf jeden Fall habe ich den Gruss jetzt ausgerichtet. Das wars dann, auf Wiederhören."
Nachdem Marc den Hörer auf die Gabel gelegt hat, flüstert er: Dieser Störensen lügt doch! Er lügt gewaltig! Marc zittert jetzt am ganzen Leib.
Er wendet sich noch einmal dem elektronischen Telefonbuch zu und sucht nach S..., St..., Stö..., Stör... - es gibt gar keinen Störensen. Kein Störensen verzeichnet? Marc ist ganz aufgeregt. Er müsste doch in der Schweiz wohnen, wenn er in Zürich arbeitet. Mal schauen - hm, das Verzeichnis ist bestimmt aktuell. Nun, es könnte ja sein, dass Störensen bis vor kurzem im Ausland wohnte. Nein, der müsste doch auf jeden Fall aufgelistet sein.
Zuhause fragt er seine Mutter: "Verrate mir bitte noch eines, nur noch eines: ist Störensen ein Ausländer?"
"Weshalb interessiert dich das, mein Junge?", will die Mutter wissen, "Es kann dir doch völlig egal sein, wie der Arzt, die Geburtshelferin oder wer auch immer hiessen? Ist doch lange her und relativ unbedeutend, denke ich." Dann streckt sie Marc einen grünen Eimer hin: "Komm, bring mir das doch bitte zum Kompost, danke."
Marc nimmt den Kübel an sich und geht in Gedanken versunken zur Tür, bleibt dort stehen und dreht sich um: "Geburtshelferin, sagtest du? Wie hiess denn die?"
"Du machst mir Sorgen, mein Junge! Hast du etwa ein Identitätsproblem?" Dann schaut sie in eine der Pfannen, die auf dem Herd stehen, schiebt diese etwas von der Platte weg, schüttelt dabei den Kopf und singt: "Ja, ja: Jungs in der Pubertät..."
Wie Marc in den Garten kommt und träumend den Komposthaufen ansteuert, beschleicht ihn plötzlich das Gefühl, hier nicht alleine zu sein. Er bleibt einen Moment bewegungslos stehen, schaut nach rechts - schaut nach links - versucht dabei, aus dem Gemisch von bettelndem Vogelgezwitscher, fernen Stimmen und im Wind klopfenden Birkenästen etwas Aussergewöhnliches herauszuhören: aber nichts. Nichts, das ungewöhnlich wäre oder sich anders anhören würde als sonst. Bin ich denn blöd geworden?, denkt er sich, lacht sich innerlich selbst aus und geht schliesslich weiter.
Beim Komposthaufen hebt er den Plastik hoch und schüttet den Inhalt des Kübels aus. Plötzlich packt ihn jemand von hinten: bevor er überhaupt merkt, was mit ihm geschieht, wird sein rechter Arm nach hinten gezerrt und dann schmerzhaft bis zu seinen Schulterblättern hochgestossen, gleichzeitig stülpt man ihm etwas Weiches über den Kopf und drückt ihm schliesslich was scheusslich Stinkendes an die Nase - nur einen Augenblick später verliert Marc das Bewusstsein...
Dieser Geruch wird ihm immer in Erinnerung bleiben! Das ist das Erste, woran er denkt beim Erwachen. Um ihn herum ist es stockdunkel. Langsam wird ihm klar, dass er sich nicht zu Hause in seinem Bett befindet - er liegt auf hartem Boden. Hart und kalt, wie - wie ein Kellerboden oder ein Gefängnis oder..., nein, so was darf er gar nicht denken. Vielleicht bin ich ja einfach nur aus meinem Bett gefallen. Marc tastet mit den Händen um sich - nichts. Um ihn herum ist alles rabenschwarz. Der üble Geruch sitzt ihm immer noch in der Nase und so langsam erinnert er sich an die letzten Minuten vor der Betäubung. Er lief zum Komposthaufen und wurde von hinten gepackt. Angestrengt denkt er nach, sich seiner Situation noch gar nicht recht bewusst: Es war ein Mann - nicht sehr kräftig - hätte es auch eine Frau sein können? Ach, das ist ja jetzt völlig egal. Hauptsache, ich komme hier irgendwie wieder raus. Marc steht vorsichtig auf und versucht erneut, den Raum zu ertasten. Jetzt erst realisiert er, in welch aussichtsloser Lage er sich befindet. Er spürt, wie Panik in ihm hochsteigen will und versucht deshalb, an etwas Schönes, etwas Erfreuliches zu denken - und sackt schliesslich doch enttäuscht zu Boden. Er hat nichts gefunden, keine Wand, keinen einzigen Gegenstand. Er hat nur den Boden, das schwarze Nichts und sich selbst. Im wird schwindlig.
Endlich, eine Ewigkeit später - Marc quälte schon der Gedanke, er sei vielleicht erblindet - hört er das Piepsen seiner Digitaluhr. Das Zifferblatt leuchtet kurz auf: 14.00 Uhr. Er ist erleichtert: ich kann doch noch was sehen - und ich lebe noch.
Kurz darauf schreckt Marc auf: hörte ich eben Stimmen? Er kriecht auf allen Vieren und so schnell er es verantworten kann vorwärts, in die vermutete Richtung der Stimmen, bis er schliesslich mit dem Kopf gegen eine Wand knallt. Das tat weh. Den Schmerz erträgt er aber sehr tapfer. Ungeachtet der warmen Flüssigkeit, die jetzt über seine Wange läuft, presst er sein rechtes Ohr an die Wand und hält dabei den Atem an: Ja, Stimmen! Es sind Stimmen. Und ich höre Schritte.
Dann geht alles sehr schnell: Jemand schraubt das ächzende Schloss auf, drückt die Türfalle bis zum Anschlag runter und wuchtet unter metallenem Quietschen die Türe auf. Das nun einfallende Licht blendet Marc so sehr, dass er sich beide Hände vors Gesicht halten muss.
"Da ist also unser Wunderkind." Es ist eine männliche Stimme, und der Spott, der aus diesen paar Worten feuert, ist nicht zu überhören.
Marc, der nach wie vor seine Augen zugedeckt hält, muss nicht lange überlegen: Das ist die Stimme dieses Professors von der Schule.
"Du hast nach mir verlangt, Marc?", fragt eine zweite Männerstimme, und der Schuft fängt gleich an zu lachen: "Ha, ha! Danke für den Gruss von Herrn Professor Meier, den du mir am Telefon ausgerichtet hast."
Auch hier ist sich Marc sicher: Störensen!
Marc versucht, seine Finger etwas aufzufächern, damit er die beiden Typen sehen könnte. Aber leider bleibt es beim Versuch, denn jetzt packt ihn jemand an den Schultern und dreht ihn unsanft um: "Das hat noch Zeit, mein Junge. Nur nicht so hastig".
Störensen!
"Übrigens kannst du beruhigt sein: wir haben es ja nicht auf dich als Ganzes abgesehen - nur auf deine niedliche Niere." Wieder lachen beide.
Marc hat Angst. Schufte!, denkt er, Dreckskerle! Mörder! Hilfe!
"Ich denke, der Junge hat ein Recht darauf zu erfahren, was für grossartige Koryphäen wir beide sind und weshalb er uns reich machen wird, nicht?", sagt Professor Meier und fährt so sarkastisch weiter, wie er aufgehört hat: "Wir beide geben uns nur sehr ungern mit Nierenvorläuferzellen von Schweinen ab: Schweine stinken! Deshalb haben wir uns vor ein paar Jahren eines niedlichen Babys angenommen, eines menschlichen Babys. Nun ja, es wurde uns geradezu in die Arme gelegt, wir mussten also nur noch zugreifen - und aufschneiden. Und siehe da: Dank unserer fürsorglichen und genialen Gewebepflege fanden wir uns bald inmitten unzähliger, schöner, teurer Nephronen wieder. Die Nierenzucht konnte beginnen! Bisher gelang solches nur mit Stammzellen von sieben bis acht Monate jungen Embryonen. - Du kannst stolz sein, Marc, du hast so 'ne Art Wunderniere."
Nach einem kurzen aber fiesen Lachen fährt jetzt Professor Störensen weiter: "Nun fragst du dich sicher, weshalb wir dich hierher eingeladen haben. Nun: zur Optimierung unseres lukrativen Unternehmens brauchen wir von dir einen so genannten "molekularen Ausweis". Damit liesse sich nämlich das gelegentliche Abstossen der Zuchtnieren fast gänzlich ausschliessen. Und das wiederum hätte zur Folge, dass..." - nun fangen beide wieder an zu lachen - "...dass unser Marktwert extrem - so zu sagen über Gebühr - also wahnsinnig steigen würde."
Marc zittert am ganzen Leib. Die Angst schüttelt ihn. Dennoch fasst er Mut und stottert: "Und - und was wollt - was wollt ihr nun mit mir machen?"
Wieder erfüllt das Gelächter der beiden den ganzen Raum. Störensen fängt sich zuerst auf und antwortet: "Was wir mit dir machen wollen? Tja, das, was Mediziner halt so machen: operieren!"
Das dreckige Lachen schnürt Marc die Kehle zu. Er verliert beinahe das Bewusstsein und überhört deshalb mutwillig, was die beiden ihm beim Weggehen noch zurufen: "Morgen kommen wir wieder. Dich darum zu bitten, nüchtern zur Operation zu erscheinen, erübrigt sich ja unter diesen Umständen."
Die Türe wird zugeknallt und verriegelt. Jetzt ists wieder stockfinster. Marc fällt zu Boden - und verliert das Bewusstsein.
"Psst. - Hallo!"
Zuerst dachte Marc, er habe geträumt. Jetzt sitzt er auf und hört nochmals genau hin.
"Psst. Hey Marc, bist du da drin?"
Marc will reden, kriegt aber vorerst keinen Ton raus. Aber er ist sich sicher: Die Stimme gehört Fanny, seiner grossen Schwester Fanny.
"Wo - wo bist du?", würgt Marc jetzt mit aller Mühe raus. Ein Glücksgefühl durchflutet ihn, doch obwohl er die Stimme genau hört, kann er diese nur schwer orten, und nach wie vor nichts, überhaupt nichts sehen.
"Hier oben bin ich, Mann. Ich versteh überhaupt nicht, was da abgeht, aber - uff, komm hier schleunigst raus! Und lass uns verschwinden."
Dann öffnet sich an der Decke des Raumes eine kleine Luke und Marc sieht über sich ein paar winzige Sterne am dunklen Nachthimmel.
Die schwarze Silhouette eines Kopfes schiebt sich in die Öffnung. Eine Taschenlampe wird angeknipst.
"Hör auf damit, Fanny, das blendet mich extrem!" flüstert Marc, der mit beiden Händen seine Augen zudecken muss. Doch Fanny überhört seine Bitte, denn schliesslich geht es ihr jetzt nur darum, Marc so schnell wie möglich da rauszuholen.
Zum Glück ist der Raum nicht sehr hoch, so dass Marc die hinabgestreckte Hand seiner Schwester greifen, sich mit beiden Händen an ihrem Arm hochziehen und hinaufklettern kann. Fanny muss dabei vor Schmerz die Zähne zusammenbeissen.
Die beiden rennen um ihr Leben, wobei Fanny die Hand ihres Bruders nicht loslässt; er wirkt noch immer etwas benommen.
Völlig ausser Atem kommen sie zu Hause an. Sie beschliessen, vorsichtshalber Ihre Eltern noch nicht in die ganze Sache einzuweihen, gehen deshalb nicht ins Haus, sondern schleichen in den Gartenschopf. Beide erzählen sich dort, was sie erlebt haben: Fanny ist gerade vom Training zurückgekommen, als sie Marc und die Entführer beobachtete. Sie versteckte sich zuerst und nahm dann zu Fuss die Verfolgung auf.
Das Versteck befand sich in der alten Post, die eigentlich schon längst hätte abgerissen werden sollen. Fanny vermutete, dass die Kidnapper Marc in einen der beiden Kellerräume gesperrt hätten, doch in welchen? Die Chancen standen 50 zu 50, denn nur über einem der beiden befand sich ein Schachtdeckel. Und da habe sie eben Glück gehabt: Marc befand sich genau im richtigen Raum. Das Schloss des Lukendeckels sei völlig verrostet gewesen: mit einem grossen Stein habe es sich leicht abschlagen lassen. Der Rest sei ja bekannt.
Fanny und Marc haben sich alles erzählt. Nun überlegen sie sich, wie es weitergehen soll. Eines ist klar: Wenn die Mistkerle den leeren Kellerraum entdecken, werden sie vor nichts zurückschrecken und zu allen Mitteln greifen: Marc muss weg!
In diesem Moment hören beide, wie ein Wagen vorfährt, brüsk bremst und sich bei laufen gelassenem Motor Türen öffnen. Angsterfüllt schauen sich Marc und Fanny an: ist es schon zu spät?
Die Türe des Schopfs wird aufgerissen, zwei Männer stürmen herein. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, stürzen sie sich auf die beiden Kinder und knebeln sie. Marc weiss genau, wer die beiden sind...
Störensen schafft es zuerst, zwischen dem Keuchen ein paar Worte auszusprechen: "So leicht lassen wir uns nicht an der Nase rumführen, Kleiner. Du hast uns gewaltig unterschätzt, denn wir überlassen nichts, aber auch gar nichts dem Zufall: Der Mikrochip und der kleine Sender unter deinem Schulterblatt funktionieren selbst nach all den Jahren noch einwandfrei. Eine unsichtbare aber wirkungsvolle Fessel."
Wie Marc die Augen aufschlägt, fällt sein Blick wieder auf dieses Schild: "Haltestelle Petermoos". Er friert. Wo bin ich? Weshalb liege ich auf dem Gehsteig? Und ausgerechnet bei der Bushaltestelle vor meinem Schulhaus? War ich bewusstlos? Lebe ich überhaupt noch? Es ist verdammt kalt!
Langsam hebt er seinen linken Arm, krallt sich an den Drähten eines Abfallkorbes fest und versucht, seinen Oberkörper aufzuziehen. Sein Kopf brummt wie verrückt, und der stechende Schmerz in seinem Bauch fühlt sich an, als stecke dort ein langer Dolch fest.
Im Sitzen zieht er mit beiden Händen seine Jacke hoch und reisst das darunter liegende Hemd aus den Hosen: es steckt kein Dolch in seinem Bauch - aber da ist eine Narbe, eine lange, eitrige Narbe.
"Verdammt", schreit er, "die haben mich aufgeschlitzt. Die Scheisskerle haben meine Niere..."
"Marc!" Es ist eine männliche Stimme. Und sie kommt ihm bekannt vor.
"Marc!" Schon wieder. Plötzlich wird alles hell um ihn. Er schaut sich um.
"Scheint etwas übernächtigt zu sein, unser lieber Marc. Hey, der Weihnachtsurlaub ist zu Ende! Und da dich der Ellenbogeneinsatz deines Nachbarn offensichtlich zu wecken vermochte: schliess bitte das Fenster und zieh dich ordentlich an. Ach, und Jan: ich sagte 'in die Seite schubsen' und nicht 'totschlagen'."
Die ganze Klasse lacht.
"Ruhe bitte - konzentriert euch wieder und schaut nach vorne. - Nachdem wir nun gesehen haben, dass die Niere ein paarig angeordnetes, bohnenförmiges Organ ist, das durch die Bildung des Harns Gifte und Endprodukte des Stoffwechsels ausscheidet, wollen wir uns jetzt weiteren Organen zuwenden..."
|