Gedanken

von Hugo Weyermann

Alle Rechte vorbehalten


Fäden, viele dünne Fäden, gespannt, vibrierend. Sie ziehen von irgendwoher kommend auf der einen Seite in mich hinein und verlassen mich auf der anderen Seite um irgendwo in der Unendlichkeit zu verschwinden. Sie haben keinen Anfang, finden kein Ende. Dünne schwarze, weisse, manchmal auch bunte Fäden, hart gespannt, durch ständiges Vibrieren mit Emotionen geladen. 

Unsichtbar, aber ich höre sie. Sie sind da. 

Wenn ich doch nur wüsste, woher sie kommen und wohin sie gehen. Wenn ich doch nur wüsste, wer an ihren erahnten Enden so unnachgiebig zieht, wer sie wie Saiten einer Gitarre spannt. Einige tönen nur einmal, viele singen pausenlos. Nicht alle lauten sind die schönsten; nicht alle leisen die angenehmsten. Oft vermag mein inneres Ohr den Tönen nicht wehren, kann sich ihnen nicht verschliessen, muss ihnen durch Dämpfen und Ordnen wehren. Muss. - Die kurzen Fäden sind die hinterhältigsten: sie schreien nur einen einzigen, hohen Ton in das wirre und laute Getöse der anderen hinein um dann sofort zu zerreissen und feige ins Nichts zu entfliehen. Es ist ein unablässiges Kommen und Gehen. Blitzschnelle Fliegende Wechsel. Manchmal mag ich ihnen nicht mehr zuhören, möchte ihnen unbemerkt entkommen, alle hinter mir zurücklassen. Doch sie sind   nicht so leicht abzuschütteln, fliegenhaft aufsässig, harzklebrig, bluteglig.

Unsichtbar, aber ich höre sie. Sie sind da.  

Ich muss sie zu filtern versuchen, darf nicht alle auf mich einwirken lassen, muss sie nach gut und böse ordnen, ihrer vermuteten Wirkung nach gruppieren. Muss dabei viele unberührt kappen, andere zuerst näher betrachten, sie auf Ursprung und Ziel hin untersuchen. Schliesslich nur jene behalten, die zumindest einen lieblich harmonischen Laut von sich geben. Möglich? Anstrengend wird's, und dauernd. Aber machbar.

Sie sind unsichtbar, aber ich höre sie. Sie sind da.

Ich will ihre Dissonanzen entschieden überhören, nicht jedem Klopfen öffnen, nicht allen blind vertrauen; nur die wertvollen meinem Herzen zuführen. Durch Ordnung zum Überblick; durch Überblick zum Weitblick; durch Weitblick zur Weisheit. Ich will es. Selbst wenn sie immer wieder kommen, ohne Anfang und ohne Ende.

Unsichtbar, aber ich höre sie. Sie sind da.

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