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Nach diesem durchaus als streng zu bezeichnenden Winter konnte man heute
zum ersten Mal getrost ohne Mütze und lange Unterhosen die während kalten
Jahreszeiten angenehm Hintern wärmende Ofenbank verlassen. Ich liess
mich gemütlich auf eine grüne Parkbank nieder, entreissverschlusste
meine Jacke, streckte Arme und Beine weit von mir und lasse seit geraumer
Zeit mit geschlossenen Augen die grellen Sonnenstrahlen auf mich einwirken.
Dabei gehen meine Gedanken zu den sich als wohlhabend outenden Damen
und zu den mitleidslos egoistischen Immobilienhändler, für die nun die
schlimmste Jahreszeit anbricht, müssen sie sich doch jetzt von ihren
Pelzmänteln trennen um diese während des kommenden Sommers im Kühlhaus
zu lagern; fürwahr ein harter Schlag. Zumal sich ihre während der letzten
Monate unter einem tierischen Pelz verborgen gehaltene und deshalb allmählich
verblasste Haut nun Skandale provozierend der Öffentlichkeit stellen
muss. Unsere Mutter Erde hingegen hat bereits vor Tagen damit begonnen,
scheu ihr weisses Kleid auszuziehen um ihre noch feuchte, eben erst
aufgetaute Haut vom gnädig warmen Wind trocknen zu lassen.
Diese warmen, schon seit langem ersehnten Stahlen lassen mich innerlich wohltuend
kribblig werden. An einem solchen Sonnenplatz wird einem doch wieder
mal so recht bewusst, dass man ein Teil der gewaltigen Schöpfung ist
und sich in ihr alles so eindrucksvoll ergänzt: Während ich einschlafe
erwacht die Natur...
Dösend denke ich über mich und die Robben nach.
Wie ich mich geistig von der nördlichen Fauna wieder abmelden will, wird
mir allmählich bewusst, welch zentnerschwere Last auf meinen Oberschenkeln
ruht. Die Sonne scheint mir indes heimlich entwischt zu sein, denn ich
sitze nun im Schatten - und meine noch etwas verschlafenen Blicke verlieren
sich in einem Pelzmantel, direkt vor mir. Ich vermute Robbenfell. Da
haben sich doch tatsächlich während meiner geistigen Abwesenheit zwei
Personen neben mich auf die Bank gesetzt, und eine dritte nahm - die
Gründe dafür dürften sehr komplex sein - auf meinen Schenkeln Platz.
Dem aalglatten Hinterkopf meines kolossal übergewichtigen Schosshündchens
und den angefeuchteten Schnurrbärten meiner Bankgenossen nach zu beurteilen,
dürfte sich in jedem der drei Pelze ein Mann aufhalten.
Langsam werde ich mir der ungewöhnlichen Situation, in die mich das Schicksal
jäh geraten liess, bewusst und gebe mir nun als erstes und im Hinblick
auf eine klug zu wählende und möglichst effiziente Oppositionsstrategie
alle Mühe, das Gesprächsthema dieser Robbenbullen in Erfahrung zu bringen.
Es ist die Rede von Grundstückverkäufen, von Hypothekarzinsen, Mieteinnahmen,
Wertvermehrung und Liegenschaftsverkäufen. Allmählich schwindet jedes
Gefühl aus meinen Beinen.
Dass sich die zwei Männer neben mich hingesetzt haben, verwirrt mich nicht
im Geringsten, denn schliesslich benutze ich eine öffentliche Parkbank
und werde allgemein nicht als sonderlich menschenscheu eingeschätzt,
aber weshalb hat sich eine - zumindest auf den ersten, hinterhältigen
Blick - mir unbekannte Person anstandslos und so, als wäre ich eine
warme Ofenbank, auf meine Schoss gesetzt? Dazu noch im Pelz? - Könnte
es sein, dass ich ignoriert werde?
"In vier Monaten ein Mehrfamilienhaus und zwei Bürogebäude. Nicht schlecht, was?"
"Und die Rendite?"
"18."
"18?"
"18."
"738'000 - erstaunlich."
"Sperrfrist?"
"Heiri Birkenmeier macht keine Probleme."
"Birkenmeier?"
"Er liebt Schokolade-Osterhasen."
Es sind Immobilienausbeuter, keine Frage. Der Druck auf meine Beine erhöht
sich laufend, das Gefühlsleben der gesamten unteren Hälfte meines Körpers
scheint bereits irreparabel futsch zu sein. Die drei Pelze beachten
mich überhaupt nicht. Allmählich schmilzt auch mein Selbstwertgefühl.
"Entschuldigen Sie bitte!" Die kurze Verhandlungspause schien mir für einen Einwand
geeignet zu sein.
"Bitte entschuldigen Sie", wiederhole ich. Doch der Pelz direkt vor meiner
Nase verschluckt meine Worte als wären's kleine Fische.
"Die Mieter müssen ausgewechselt werden. Neue Verträge."
"Ja. Einfach 'n paar kleinere Renovationen."
"Neue Briefkästen und hölzerne Kloschüsselringe."
"Eine 20-prozentige Erhöhung liegt drin. Exklusive der üblichen Anpassung
an die Ortsüblichkeit."
"O.K."
"Und das Grundbuch?"
"Völler Karl. Ich kenne ihn."
"Schokolade?"
"Plüschtiere. Er liebt Plüschtiere."
Ich fühle mich wie eine erschöpfte Robbe vor einem sich nahenden Eisbrecher;
wie ein Schokolade-Osterhase im Pelzmantel; wie niemand. Es dürfte nur
noch eine Frage der Zeit sein, bis ich von der ersten herannahenden
Minderwertigkeitswelle überflutet werde.
"Ich will hier weg!", schreie ich in die tierisch getarnte Pokerrunde. "Meine
Mittagspause geht bald zu Ende und ich muss wieder zur Arbeit. Zweiundvierzig
Stunden pro Woche. Montags bis freitags."
Doch meine ausgespuckten Fische scheinen bereits wieder gefressen worden
zu sein. Ich muss während dem Dösen unbemerkt in eine andere Welt gefallen
sein oder habe just in den vergangenen Minuten den Anschluss an irgendwelchen
sozialen Fortschritt verloren.
Da wird auf einer ganz normalen, öffentlich zugänglichen und dazu noch
grünen Parkbank kurzerhand und ohne mit den Kiemen zu zucken ein Millionen-,
wenn nicht gar Milliardengeschäft abgeschlossen, während ich jeden Tag
mehr als acht Stunden schufte und in der wohlverdienten Mittagspause
auch noch im Schatten sitze. Da werden in ein paar Minuten und auf meinen
platten Oberschenkeln hunderttausende Franken ergaunert, während meine
Worte von fremden Pelzen ungehört verschlungen werden. Ich fühle mich
umgangen.
"3 Hektaren, voll erschlossen!", werfe ich nun frech und ohne eine weitere
Diskussionspause abzuwarten mitten ins laufende Meeting. Es war ein
Blitzgedanke. Und er macht mich stolz.
Plötzlich starren mich sechs Augen und drei weit aufgerissene Gebisse an. Das
inzwischen unerträglich gewordene Gewicht, das meine leblosen Beine
wie Eckpfeiler in den Boden zu rammen drohte, verlagert sich sprunghaft
nach rechts; und schon wagt sich der erste mutige Sonnenstrahl bis zu
meinem linken Ohr vor. Wahrlich eine Wende in letzter Sekunde. Ich finde
langsam zu mir zurück und weiss nun wieder, wer ich bin und wie ich
heisse. Meine Persönlichkeit scheint, zumindest für einen Moment, gerettet
zu sein.
Die plötzliche Stille versetzt mich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick,
in das Glück, das unbekümmerte Zwitschern eines auf einem nahen Immobiliendach
sitzenden Spatzen hören zu können.
"Was? - Wo? - Gekauft!", hecheln sie alle gleichzeitig.
Es scheint, als ob es nun an mir wäre, Forderungen zu stellen: "Hau ab
von meinen Knien! Lasst die grüne Bank in Ruhe", sage ich und mein Blut
kehrt dabei endlich wieder in ihre Bahnen zurück.
Da steht er nun, dieser gross gewachsene, bullige und geifernde Mann; und
schaut mich an, als wäre ich eine eben erst ausgehobene Baugrube.
"Fünfzig Prozent bar auf die Hand", lautet sein erstes Gebot.
Ich winke lächelnd ab und befehle ihm mit kreisenden Handbewegungen, etwas
weiter zur Seite hin und mir damit aus der Sonne zu robben.
"Lieben sie Schokolade-Osterhasen?"
Kopfschütteln und erneut kreisende Handbewegungen, diesmal jedoch in unmissverständlicher Art.
"Plüschtiere? Ich erfülle ihnen jeden Wunsch. Jeden."
Ich strecke meine Arme und Beine weit von mir und aale mich in der begründeten
Hoffnung auf einen zweiten, bestimmt bald einfallenden Sonnenstrahl.
"Gehen Sie mir aus der Sonne!", schreie ich derart laut, dass selbst geschlachtete
Robben verwundet aufhorchen müssten. "Und belästigen Sie mich arbeitender
Mieter nie wieder."
Unzählige Sonnenstrahlen küssen mich nun derart heftig ins Gesicht, dass ich meine
Augen schleunig zukneifen muss. "Das ist eine sozial erträgliche Art,
um mit Bankkrediten Gewinne zu erzielen", denke ich. Und: "Es lohnt
sich, um solche Sonnenplätze zu kämpfen, bevor man uns das Fell über
die Ohren zieht."
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