Die Sonnenbank

von Hugo Weyermann

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Nach diesem durchaus als streng zu bezeichnenden Winter konnte man heute zum ersten Mal getrost ohne Mütze und lange Unterhosen die während kalten Jahreszeiten angenehm Hintern wärmende Ofenbank verlassen. Ich liess mich gemütlich auf eine grüne Parkbank nieder, entreissverschlusste meine Jacke, streckte Arme und Beine weit von mir und lasse seit geraumer Zeit mit geschlossenen Augen die grellen Sonnenstrahlen auf mich einwirken. Dabei gehen meine Gedanken zu den sich als wohlhabend outenden Damen und zu den mitleidslos egoistischen Immobilienhändler, für die nun die schlimmste Jahreszeit anbricht, müssen sie sich doch jetzt von ihren Pelzmänteln trennen um diese während des kommenden Sommers im Kühlhaus zu lagern; fürwahr ein harter Schlag. Zumal sich ihre während der letzten Monate unter einem tierischen Pelz verborgen gehaltene und deshalb allmählich verblasste Haut nun Skandale provozierend der Öffentlichkeit stellen muss. Unsere Mutter Erde hingegen hat bereits vor Tagen damit begonnen, scheu ihr weisses Kleid auszuziehen um ihre noch feuchte, eben erst aufgetaute Haut vom gnädig warmen Wind trocknen zu lassen.

Diese warmen, schon seit langem ersehnten Stahlen lassen mich innerlich wohltuend kribblig werden. An einem solchen Sonnenplatz wird einem doch wieder mal so recht bewusst, dass man ein Teil der gewaltigen Schöpfung ist und sich in ihr alles so eindrucksvoll ergänzt: Während ich einschlafe erwacht die Natur...

Dösend denke ich über mich und die Robben nach.

Wie ich mich geistig von der nördlichen Fauna wieder abmelden will, wird mir allmählich bewusst, welch zentnerschwere Last auf meinen Oberschenkeln ruht. Die Sonne scheint mir indes heimlich entwischt zu sein, denn ich sitze nun im Schatten - und meine noch etwas verschlafenen Blicke verlieren sich in einem Pelzmantel, direkt vor mir. Ich vermute Robbenfell. Da haben sich doch tatsächlich während meiner geistigen Abwesenheit zwei Personen neben mich auf die Bank gesetzt, und eine dritte nahm - die Gründe dafür dürften sehr komplex sein - auf meinen Schenkeln Platz. Dem aalglatten Hinterkopf meines kolossal übergewichtigen Schosshündchens  und den angefeuchteten Schnurrbärten meiner Bankgenossen nach zu beurteilen, dürfte sich in jedem der drei Pelze ein Mann aufhalten.

Langsam werde ich mir der ungewöhnlichen Situation, in die mich das Schicksal jäh geraten liess, bewusst und gebe mir nun als erstes und im Hinblick auf eine klug zu wählende und möglichst effiziente Oppositionsstrategie alle Mühe, das Gesprächsthema dieser Robbenbullen in Erfahrung zu bringen. Es ist die Rede von Grundstückverkäufen, von Hypothekarzinsen, Mieteinnahmen, Wertvermehrung und Liegenschaftsverkäufen. Allmählich schwindet jedes Gefühl aus meinen Beinen.

Dass sich die zwei Männer neben mich hingesetzt haben, verwirrt mich nicht im Geringsten, denn schliesslich benutze ich eine öffentliche Parkbank und werde allgemein nicht als sonderlich menschenscheu eingeschätzt, aber weshalb hat sich eine - zumindest auf den ersten, hinterhältigen Blick - mir unbekannte Person anstandslos und so, als wäre ich eine warme Ofenbank, auf meine Schoss gesetzt? Dazu noch im Pelz? - Könnte es sein, dass ich ignoriert werde?

"In vier Monaten ein Mehrfamilienhaus und zwei Bürogebäude. Nicht schlecht, was?"

"Und die Rendite?"

"18."

"18?"

"18."

"738'000 - erstaunlich."

"Sperrfrist?"

"Heiri Birkenmeier macht keine Probleme."

"Birkenmeier?"

"Er liebt Schokolade-Osterhasen."

Es sind Immobilienausbeuter, keine Frage. Der Druck auf meine Beine erhöht sich laufend, das Gefühlsleben der gesamten unteren Hälfte meines Körpers scheint bereits irreparabel futsch zu sein. Die drei Pelze beachten mich überhaupt nicht. Allmählich schmilzt auch mein Selbstwertgefühl.

"Entschuldigen Sie bitte!" Die kurze Verhandlungspause schien mir für einen Einwand geeignet zu sein.

"Bitte entschuldigen Sie", wiederhole ich. Doch der Pelz direkt vor meiner Nase verschluckt meine Worte als wären's kleine Fische.

"Die Mieter müssen ausgewechselt werden. Neue Verträge."

"Ja. Einfach 'n paar kleinere Renovationen."

"Neue Briefkästen und hölzerne Kloschüsselringe."

"Eine 20-prozentige Erhöhung liegt drin. Exklusive der üblichen Anpassung an die Ortsüblichkeit."

"O.K."

"Und das Grundbuch?"

"Völler Karl. Ich kenne ihn."

"Schokolade?"

"Plüschtiere. Er liebt Plüschtiere."

Ich fühle mich wie eine erschöpfte Robbe vor einem sich nahenden Eisbrecher; wie ein Schokolade-Osterhase im Pelzmantel; wie niemand. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ich von der ersten herannahenden Minderwertigkeitswelle überflutet werde.

 "Ich will hier weg!", schreie ich in die tierisch getarnte Pokerrunde. "Meine Mittagspause geht bald zu Ende und ich muss wieder zur Arbeit. Zweiundvierzig Stunden pro Woche. Montags bis freitags."

Doch meine ausgespuckten Fische scheinen bereits wieder gefressen worden zu sein. Ich muss während dem Dösen unbemerkt in eine andere Welt gefallen sein oder habe just in den vergangenen Minuten den Anschluss an irgendwelchen sozialen Fortschritt verloren.

Da wird auf einer ganz normalen, öffentlich zugänglichen und dazu noch grünen Parkbank kurzerhand und ohne mit den Kiemen zu zucken ein Millionen-, wenn nicht gar Milliardengeschäft abgeschlossen, während ich jeden Tag mehr als acht Stunden schufte und in der wohlverdienten Mittagspause auch noch im Schatten sitze. Da werden in ein paar Minuten und auf meinen platten Oberschenkeln hunderttausende Franken ergaunert, während meine Worte von fremden Pelzen ungehört verschlungen werden. Ich fühle mich umgangen.

"3 Hektaren, voll erschlossen!", werfe ich nun frech und ohne eine weitere Diskussionspause abzuwarten mitten ins laufende Meeting. Es war ein Blitzgedanke. Und er macht mich stolz.

Plötzlich starren mich sechs Augen und drei weit aufgerissene Gebisse an. Das inzwischen unerträglich gewordene Gewicht, das meine leblosen Beine wie Eckpfeiler in den Boden zu rammen drohte, verlagert sich sprunghaft nach rechts; und schon wagt sich der erste mutige Sonnenstrahl bis zu meinem linken Ohr vor. Wahrlich eine Wende in letzter Sekunde. Ich finde langsam zu mir zurück und weiss nun wieder, wer ich bin und wie ich heisse. Meine Persönlichkeit scheint, zumindest für einen Moment, gerettet zu sein.

Die plötzliche Stille versetzt mich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, in das Glück, das unbekümmerte Zwitschern eines auf einem nahen Immobiliendach sitzenden Spatzen hören zu können.

"Was? - Wo? - Gekauft!", hecheln sie alle gleichzeitig.

Es scheint, als ob es nun an mir wäre, Forderungen zu stellen: "Hau ab von meinen Knien! Lasst die grüne Bank in Ruhe", sage ich und mein Blut kehrt dabei endlich wieder in ihre Bahnen zurück.

Da steht er nun, dieser gross gewachsene, bullige und geifernde Mann; und schaut mich an, als wäre ich eine eben erst ausgehobene Baugrube.

"Fünfzig Prozent bar auf die Hand", lautet sein erstes Gebot.

Ich winke lächelnd ab und befehle ihm mit kreisenden Handbewegungen, etwas weiter zur Seite hin und mir damit aus der Sonne zu robben.

"Lieben sie Schokolade-Osterhasen?"

Kopfschütteln und erneut kreisende Handbewegungen, diesmal jedoch in unmissverständlicher Art.

"Plüschtiere? Ich erfülle ihnen jeden Wunsch. Jeden."

Ich strecke meine Arme und Beine weit von mir und aale mich in der begründeten Hoffnung auf einen zweiten, bestimmt bald einfallenden Sonnenstrahl.

"Gehen Sie mir aus der Sonne!", schreie ich derart laut, dass selbst geschlachtete Robben verwundet aufhorchen müssten. "Und belästigen Sie mich arbeitender Mieter nie wieder."

Unzählige Sonnenstrahlen küssen mich nun derart heftig ins Gesicht, dass ich meine Augen schleunig zukneifen muss. "Das ist eine sozial erträgliche Art, um mit Bankkrediten Gewinne zu erzielen", denke ich. Und: "Es lohnt sich, um solche Sonnenplätze zu kämpfen, bevor man uns das Fell über die Ohren zieht."

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