Plötzlich am Waldrand

von Hugo Weyermann

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Habe ich Sie nicht schon vor ein paar Tagen hier sitzen sehen?

Kann sein.

Dann sitzen Sie also öfters hier auf diesem Stamm?

Immer.

Immer?

Früher sass ich dort drüben - auf dem Baumstrunk; er wird immer morscher.

Beobachten Sie was?

Manchmal.

Erlauben Sie, dass ich mich...

Bitte.

Das dürfte mal 'ne stolze Tanne gewesen sein, nicht?

Ja. Scheiss Holzfäller.

Angenehm warm heute. - Und wie die Vögel singen...

-.

Ich bin Kevin.

Ben.

Ben?

Benjamin.

Ach so.

-.

Du beobachtest also was, Ben.

Ist übertrieben - ich schau hin.

Wohin?

Irgendwohin halt; mal da-, mal dorthin.

Dann betreibst du so 'ne Art 'Autosuggestion'?

Was?

Nun, es könnte ja sein, dass du deine Seele von der Schönheit der Natur stimulieren lassen willst. Ich meine naturnahe Sinnestherapie oder so. Das tu ich manchmal auch.

Nein, ich warte nur.

Ach so.

-.

Worauf wartest du denn?

Worauf? - Auf nichts.

-.

-.

Hörst du das, Ben? Hier oben irgendwo muss ein Specht sein Mittagessen herausklopfen.

'DJ Specht'. Ich nannte ihn so, weil er ausgesprochen rhythmisch klopft.

Hat was.

-.

Ein gemütlicher Ort, zum warten.

Geht so.

Ich will nicht unhöflich sein, aber auf irgendwas müsstest du doch warten; ich meine, wenn du schon wartest.

Weshalb?

Nun, weil - weil man nicht auf nichts warten kann.

Ich kanns.

Warten auf nichts?

Auf nichts.

-.

-.

Wie lange wartest du denn schon auf - nichts?

Immer. Sagte ich doch schon.

Du willst doch damit nicht etwa sagen, dass du...

Doch. - Warum nicht?

Weil kein Mensch sein Leben lang auf nichts warten kann, darum.

Irgendwas kommt immer.

Aber du kannst doch nicht dein Leben lang tatenlos dasitzen und auf irgendwas Unbestimmtes warten. So visionslos. Schrecklich.

'Alles kommt schliesslich zu dem, der warten kann', sagen die Amerikaner.

Dante Alighieri, ein italienischer Dichter, schrieb hingegen mal vor ein paar hundert Jahren: 'Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt.'

'Wenn man lange genug wartet, wird das schönste Wetter.' - Kommt aus Japan.

Damit erklärst du also schönes Wetter zu haben zu deinem einzigen Lebensziel? Bescheiden, überaus bescheiden, wirklich, Ben.

'Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.' - Tolstoi.

Wollen wir uns über Zitate streiten?

Bevor du gekommen bist, gabs hier keinen Streit.

Wir kommunizieren miteinander, wir streiten ja nicht.

DU sagtest was von Streit.

Das war doch nur so 'ne Redensart.

-.

Möchtest du auch einen Apfel?

Danke.

-.

-.

Wie die Knospen aus den Ästen schiessen; ist es nicht toll anzuschauen, wie nach einem harten und langen Winter längst Totgeglaubtes millionenfach aufersteht? Wunder, unzählige Wunder.

Ja, toll, der Frühling.

Könnte es sein, dass du just darauf gewartet hast? Auf den Frühling, meine ich? Auf diese Wunder?

Ich warte auf nichts. Schön, wenn doch was kommt.

Jetzt verstehe ich dich: Du wartest also nur deshalb auf nichts, damit du nicht enttäuscht bist, wenn nichts kommt. Eine Art Enttäuschunsabwehrtaktik durch Vorschusspessimismus.

Vielleicht. - Vielleicht auch nicht.

Aber du musst mir doch einen plausiblen Grund nennen können, weshalb du von deinem Leben nichts erwartest.

Gerade weil ich nichts erwarte, muss ich nichts. Dir auch nichts nennen können.

Damit hast du recht, Ben: Wer nichts tut, darf auch nichts erwarten. 'Erfolg hat nur, wer etwas tut, während er auf den Erfolg wartet.' - Sagte schon Edison.

-.

Jeder muss was, Ben. Das Leben kommt nun mal nicht ohne gewisse Zwänge aus.

Ich warte freiwillig.

'Für diejenigen, die immer nur warten, kommt alles zu spät.' Hubbard, amerikanischer Schriftsteller. Na?

Womit wir wieder in die Zitatensammlung gefallen wären...

Auf weise Menschen sollte man hören, oder nicht?

'Alle Menschenweisheit lässt sich in zwei Worten ausdrücken: warten und hoffen'. Alexandre Dumas, ein weiser Mensch.

Jetzt hab ich dich: Du besitzt nur die eine Hälfte dieser 'Menschenweisheit', denn du wartest zwar, aber du hoffst nicht. Dir fehlt die Hoffnung!

Man kann nicht warten ohne zu hoffen.

Aber du sagtest doch, dass du nichts erwartest?

Ich erwarte nichts, aber ich hoffe, dass doch irgendwas kommt. Und ich nehm's dann so, wie's gekommen ist.

Du hoffst also auf etwas Undefinierbares, etwas Unvorstellbares. Du hoffst nur auf den Augenblick, auf den Zufall?

So etwa.

Kommt nicht vieles in unserem Leben so oder so unvermutet? Hat es einen Sinn, auf Unvermutetes zu warten, Ben?

Hat es einen Sinn, sich irgendwelche Vermutungen zu suggerieren, um dann mit ansehen zu müssen, wie sie sich nur im günstigsten Fall bestätigen?

Bestimmt sogar! Ein von Hoffnungen erfülltes Warten ist durchaus gerechtfertigt. Das Leben verlangt nicht nur Ziele, sondern auch die Hoffnung auf das Erreichen derselben. Unser ganzes Sein besteht aus Ziel und Hoffnung.

Und wenn du diese Ziele nicht erreichst, bist du enttäuscht. - Schrecklich.

Und wenn nichts kommt, he? Du hoffst ja auch, dass irgendwas kommt.

Irgendwas kommt immer. Selten aber Vermutetes.

Da stimme ich dir zu, ja. Aber wer nichts vermutet, sich keine Ziele steckt, nicht mehr träumt... - ist - ist tot, ja tot.

Ich lebe.

Ja, aber wie? Du wartest, du wartest, du wartest. Tust nichts, hast keine Ziele, keine Vorstellungen - du bist innerlich tot. Wartend verstorben, um auf ein unvermutetes zufällig erwachendes neues Leben zu warten.

Du kannst jetzt gehen, Kevin.

Gut, meine letzten Worten waren hart, zugegeben. Aber ich will dich doch nur wachrütteln, dir neue Lebensfreude vermitteln...

Warten macht mir Freude. Und jetzt. geh!

-.

-.

Wie lange willst du denn noch warten?

Immer. Das sagte ich schon.

Siehs doch mal von einer höheren Warte aus, Ben: Dein Schöpfer hat dir das Leben geschenkt; willst du untätig warten, bis er's dir wieder nimmt? Er hofft auf dich.

Geh jetzt! Ich habe dich nicht gerufen.

Aber du hast auf mich gewartet.

Nein, ich...

Doch, doch. denn ich bin rein zufällig und von dir unerwartet hier vorbeigekommen. 'Etwas kommt immer...'

-.

Komm mit, Ben, das Hübsche am Frühling ist, dass er kommt, wenn er am dringendsten gebraucht wird.

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