Advent

von Hugo Weyermann

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Die Sonne traut sich kaum mehr über die Berge zu schielen und die Nacht kommt ungestüm und früh; Äcker werden vernachlässigt und erfrieren; man sieht den eigenen Atem und Birken klappern im Wind; Sterne die keine sind fassen Strassen ein; Schnee lastet auf Dächern; der Lärm zieht sich zurück in die Warenhäuser: Es ist Advent.

Endlos plätscherndes "Stille Nacht" erhöht Kunststoffiges und Elektronisches ins Überirdische, halogene Spots preisen Materielles als einzige Form der Liebe an. Kerzen verlieren noch im Regal ihre zur Einkehr anhaltende Unaufdringlichkeit. Besinnliches wird von Sinnlichem überrollt. Man kauft nicht nur der Liebe wegen; angemessen muss es sein. Werbung leugnet die Vergänglichkeit von Handelsgütern.

Dieses Jahr sind Agenden und Planer im Trend, wie letztes Jahr, vorletztes und schon seit langem; sie befehlen einem, auch im nächsten Jahr sein Leben im Voraus zu leben; und quengeln, bis sie vollgeschrieben sind. Geschenkte Handy's zwingen einen zum Fortgehen, auf dass man sich elektronisch näher kommen kann; nur alte Leute oder Kranke erwarten das alljährliche Klingeln in verkabelter Einsamkeit.

Lachs und Champagner - die Gäste werden einen ehren. Letztes Jahr tischten sie Lachs und Champagner auf: heuer wird man sich auch nicht lumpen lassen; dieses gesellschaftliche Prädikat holt man sich mit links, ha! Überschwappende Warenhäuser und Einkaufszentren in trügerischem Schein von Heiligkeit. Sonderangebote, zwei für eins, in Schnäppchen jagendem Trauma gefangen. Keine Zeit für Musse, in diesem Jahr wird's wieder eng. Hier noch schnell, da noch rasch. Kühlschränke und Tiefkühltruhen stehen in der Blüte. Indes erwarten einen die Alten in Heimen, aussichtslos; lauern die Kranken in Spitälern, vergeblich; immerhin, am Weihnachtstag dürfen sie aus zwei Menüs wählen.

Traditionen bestimmen, Rituale regieren. Keine Zeit zum Stehenbleiben, kein Bock aufs Innehalten. Entwaffnet läuft man mit. Alle laufen, alle; so fällt man nicht auf. Adäquate Gegengeschenke als Standard, als Regel, Massstab getreu. Gesellschaftsspiel.

Die Liebe traut sich kaum mehr über die Geschäftigkeit zu schielen und der Stress kommt ungestüm und früh; Aussenseiter werden vernachlässigt und erfrieren; man erkennt zwar seine innersten Wünsche, aber Normen klappern im Wind; Hoffnungen die keine sind fassen das Leben ein; zwingende Bräuche lasten auf der Bescheidenheit; das Miteinander zieht sich zurück in die Warenhäuser: Es ist Advent.


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 Hugo Weyermann
www.undsoweiter.ch
-> 05.04.2006
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