Die alte Eiche

Ein Märchen
von Hugo Weyermann

Illustriert von Kathrin Stippa
Alle Rechte vorbehalten



Jannis schlenderte quer durch den Wald. Es war Abend geworden, von den Bäumen und Sträuchern waren nur noch Schatten zu sehen. Jannis zündete aber seine Handlampe noch nicht an; der Schein des Mondes war noch hell genug, um ihm den Weg zu weisen. Das Stück Brot, das er in der Hosentasche mit sich trug, hob er sich für später auf.

Oft musste Jannis über umgestürzte Bäume klettern, über kleine Bäche hüpfen oder sich durch tief hängende Äste zwängen. Der Waldboden war weich, da und dort lag noch Schnee.

Jannis' Eltern waren arme Leute. Obwohl Vater und Mutter fleissige Bauersleute waren und von morgens früh bis abends spät arbeiteten, reichte das Geld nur gerade fürs Essen und für Kleider. Es war deshalb selbstverständlich, dass Jannis seinen Eltern bei der Arbeit half, so gut er konnte. Er half auf dem Feld mit und hielt die Ställe sauber.

Vergangene Woche musste Jannis' Vater jedoch die letzte noch übrig gebliebene Kuh verkaufen. Weil Jannis jetzt neben der Arbeit auf dem Feld nur noch den Saustall und das Hühnerhaus in Ordnung zu halten hatte, blieb ihm ab und zu etwas Freizeit. Diese wollte er natürlich nicht untätig verstreichen lassen. Er nahm sich vor, während dieser Zeit seinen Eltern ebenfalls in irgendeiner Art zu helfen. Vielleicht könnte er ja sogar etwas Geld verdienen. Aber wie?

Eines Tages hatte er eine Idee: Ich könnte doch kleine Kunstwerke basteln und dann versuchen, diese den Leuten im Dorf zu verkaufen. Also sammelte er Dinge, die sich einerseits zu einem Kunstwerk zusammenfügen liessen, andererseits aber nichts kosten durften. Was lag da näher, als im Wald danach zu suchen.

Sein Vater und er hatten im alten Kuhstall eine kleine "Künstlerwerkstatt" eingerichtet: Ein Brett, das über zwei Sägeböcke gelegt wurde, diente als Werktisch; ein halbiertes Fass als Stuhl. Auf dem Brett lagen ein Hammer, ein Meissel, eine Zange, zwei Schraubenzieher, ein Messer, eine Büchse Leim sowie Nägel und Schrauben in verschiedenen Grössen. An der Wand hatte der Vater einen Kerzenhalter befestigt; so konnte Jannis auch bis weit in die Nacht hinein noch an seinen Kunstwerken arbeiten. Links neben seinem "Künstlertisch" standen zwei Kisten, in die er das Gesammelte legen konnte. Es war nicht mehr viel drin, denn Jannis hatte während des letzten Winters bereits zwei Kunstwerke gebastelt; da waren nur noch eine schnörkelige Baumwurzel, ein Stück Baumrinde, ein paar Tannenzapfen, einige Nussschalen, zwei Eicheln und eine Astgabel.

Jannis beim Basteln, Copyright by Kathrin Stippa (www.zeichenstun.de

Auf dem Dorfmarkt nickten ihm die Leute zwar anerkennend zu und sagten "Das hast du gut gemacht, Junge!" oder "Du bist ja schon ein richtiger Künstler, mach nur weiter so!"; abgekauft hatten sie ihm aber nichts.

So schnell gab Jannis aber nicht auf, schliesslich hatte ihm sein Vater gesagt, dass Künstler nie aufgeben dürften und stets an sich selbst glauben müssten, komme was komme.

Heute zog er also wieder quer durch den Wald um nach neuen Sachen für seine Kunstwerke zu suchen. Im Sack an seiner Schulter befand sich erst eine Hand voll schneeweisser Steine.

Auf einmal wurde es sehr dunkel; eine Wolke hatte sich vor den Mond geschoben. Plötzlich kam auch Wind auf und die Bäume begannen, sich zu bewegen und schwenkten nun ihre Äste wild um sich. Es ist wohl Zeit, um nach Hause zu gehen, dachte Jannis und machte sich auf den Weg hinaus Richtung Waldrand.

Da überkam ihn plötzlich ein eigenartiges Gefühl: Ist da nicht jemand hinter mir? Werde ich verfolgt? Jannis bekam es mit der Angst zu tun und traute sich nicht, nachzuschauen. Es blieb ihm nur eines: wegrennen! Seine Schritte wurden schneller und schneller, aber dieses ungute Gefühl liess ihn einfach nicht mehr los. Am ganzen Körper bekam er eine Gänsehaut. Der Verzweiflung nahe, stoppte er seinen Lauf, blieb mucksmäuschenstill stehen, hielt einen Moment lang den Atem an und spitzte seine Ohren - doch ausser dem Zischen der Äste und ab und zu einem Knacksen eines sich im Wind beugenden Baumes, konnte Jannis nichts Aussergewöhnliches hören.

Da ist jemand hinter mir, dachte Jannis immer noch, ich werde verfolgt! Da sich dieser Unbekannte nicht abschütteln liess, fasste sich Jannis ans Herz, zündete seine Handlampe an und drehte sich mutig und blitzschnell um.

Zwei Augen blitzten im fahlen Lichtstrahl seiner Lampe auf. Im ersten Moment erschrak Jannis fürchterlich und sein Herz drohte ihm in die Hosen zu fallen. Als er beim zweiten Hinschauen erkannte, wer da vor ihm stand, verstummte sein Herzklopfen rasch: Es war ein Reh, nur ein Reh. Es bewegte sich nicht; nur seine Ohren drehte es hin und wieder ab.

"Da hast du mich aber ganz schön erschreckt", sagte Jannis erleichtert und richtete seine Lampe etwas abwärts, um das Tier nicht zu blenden. "Weshalb läufst du mir denn nach?"

Jetzt sah Jannis, dass das Reh ganz dünne Beine hatte. Beim ersten Hinschauen war ihm das noch nicht aufgefallen. Das Tier war bis fast auf die Knochen abgemagert.

"Du hast bestimmt Hunger", sagte Jannis, "Hier, nimm!" Er stellte seine Lampe auf einen Baumstumpf, zog das schon etwas hart gewordene Stück Brot aus seiner Hosentasche und hielt es dem Reh hin. Wie das Tier ein paar Schritte näher kam, konnte Jannis erkennen, dass es eine Narbe am Hals hatte; eine Narbe fast so lang wie sein Arm.

Jannis streckte seine Hand so weit aus, wie er nur konnte und hielt dem Tier das Brot hin. Das Reh schnupperte kurz daran und zog es mit dem Mund ganz vorsichtig aus seiner Hand.

"Komm mit!", winkte Jannis, als das Reh das Stück Brot gefressen hatte, "Komm mit, wir haben zu Hause noch etwas Heu übrig. Ich darf es dir bestimmt geben, denn wir haben ja jetzt keine einzige Kuh mehr. Komm!"

Zuerst zögerte das Reh, folgte dann aber Jannis doch noch nach.

Jannis dreht sich um und sieht das Reh, Copyright by Kathrin Stippa, www.zeichenstun.de

Der Wind hatte inzwischen aufgehört zu blasen und es wurde allmählich wieder etwas heller. Die Wolke, die den Mond hinter sich versteckt gehalten hatte, war weitergezogen.

Jannis hatte den Waldrand erreicht und lief weiter, quer über eine kahle Wiese. Zuerst schien es, also ob das Reh Jannis bis nach Hause nachlaufen würde, aber dann blieb es plötzlich mitten auf der Wiese stehen. Jannis drehte sich zu ihm um und rief: "Gib jetzt nicht auf! Komm mit, es sind nur noch ein paar Schritte bis nach Hause!"

Aber das Reh fürchtete sich; klar, schliesslich war es in seinem ganzen Leben noch nie so weit aus dem Wald herausgekommen.

"Du brauchst dich nicht zu fürchten", wollte Jannis das Reh ermutigen, "meine Mutter und mein Vater sind die liebsten Menschen auf der ganzen Welt; die tun dir nichts." Aber das Reh drehte sich langsam um und wandte sich dem Wald zu.

"Halt!", schrie Jannis, "Wenn du schon nicht mitkommen willst, dann bleib doch wenigstens dort stehen! Ich werde nach Hause rennen und mit so viel Heu zurückkommen, wie ich nur tragen kann. Es wird bestimmt nicht lange dauern. Bitte!"

Jannis rannte so schnell wie er nur konnte nach Hause. Völlig ausser Atem versuchte er, seinem Vater in ein paar wenigen Sätzen zu erklären, was er eben Unglaubliches erlebt hatte und weswegen er unbedingt Heu haben musste. Der Vater zweifelte zwar an Jannis' Geschichte, meinte aber: "Mein lieber Junge, wenn es für eine gute Tat ist, werde ich dir immer gerne geben, was ich dir geben kann."

Jannis jauchzte vor Freude. In der Scheune nahm er so viel Heu an sich, wie er nur tragen konnte und rannte damit zurück auf die Wiese.

Das Reh war nicht mehr dort.

Jannis zündete seine Handlampe an und schaute sich nach allen Seiten um - aber er konnte weit und breit kein Reh entdecken.

Die Enttäuschung war gross, riesengross.

Jannis liess sich zu Boden fallen, legte seinen Kopf auf das mitgebrachte Heu und fing zu weinen an: "Weshalb bist du nicht hier geblieben?", schluchzte er, "Wie konntest du mir das nur antun? Ich hab's ja nur gut gemeint." In diesem Moment wäre es Jannis am liebsten gewesen, die Erde hätte sich aufgetan und ihn verschlungen. Er blieb noch lange dort liegen und weinte bitterlich.

Plötzlich spürte er eine Hand über seinen Kopf streicheln. Sein Vater musste sich unbemerkt neben ihn hingekniet haben. "Mein Sohn", sprach er, "wer enttäuscht wird, während er Gutes tut, dem wird einmal jede Träne vergoldet."

Nach ein paar stillen Minuten, während denen der Vater nicht aufhörte, seinem weinenden Sohn tröstend über die Haare zu streichen, forderte er ihn auf: "Komm, mein Junge, wir gehen nach Hause, es ist spät. Lass das Heu hier liegen, dein Reh wird es holen kommen, bestimmt."

Dann zogen die beiden mit langsamen Schritten übers Feld nach Hause, wobei der Vater Jannis' Kopf sanft an seine Brust drückte. Der Mondschein warf von beiden lange Schatten übers Feld.

"Vater, das Heu ist von meinen Tränen nass geworden", sagte Jannis im Gehen, "Nasses Heu wird das Reh nicht mögen."

"Wart's ab", antwortete der Vater knapp.

Am nächsten Morgen eilte Jannis in aller Frühe wieder aufs Feld: Das Heu lag nicht mehr da!

Von nun an brachte Jannis jeden Abend etwas Heu an diese Stelle auf dem Feld. Und jedes Mal, wenn er wieder kam, war es verschwunden. Das Reh sah er aber nie wieder.

Eines Abends ging Jannis erneut in seine Künstlerwerkstatt. Mittlerweile waren es schon mehr als zehn Arbeiten, die er dort feinsäuberlich aufbewahrte. Jeden Samstag hatte er sie in seinen Holzkarren geladen, um sie auf dem Markt zum Kauf anzubieten; bisher leider ohne Erfolg.

Ich müsste etwas Besonderes basteln, überlegte sich Jannis und setzte sich an seinen Künstlertisch. Etwas, das sonst niemand hat, etwas ganz Spezielles. Dann würde man mir meine Kunstwerke bestimmt abkaufen und wir könnten uns mit dem Geld schöne Kleider kaufen, oder neue Stiefel für den Vater, oder elegante Schuhe für die Mutter. Jannis liess seinen Kopf hängen: Aber ich habe es doch schon mit allem Möglichen versucht, was im Wald zu finden ist. Da gibt es viele wunderbare Dinge, aber das kaufen die Leute nicht.

Da hörte er plötzlich ein dumpfes Geräusch, so, als wäre etwas Hartes zu Boden gefallen. Es kam von der Stalltüre her. Jannis stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und trat einen Schritt hinaus. Dann hob er seine Handlampe in die Höhe und leuchtete damit in alle Richtungen. Als er nichts Aussergewöhnliches erkennen konnte, schaute er auch auf dem Boden nach.

Da! Da ist was! Etwas, das glänzt! Jannis bückte sich und hob das gelb glänzende Ding auf. Es war schwer, schwerer als er dachte. Und es war etwa so dick wie sein Daumen. Auf der einen Seite war es rund, auf der anderen spitzig.

Jannis findet die goldene Eichel, Copyright by Kathrin Stippa, www.zeichenstun.de

Es hat die Form einer Eichel, stellte Jannis fest, aber eine Eichel, die glänzt? Eine einzige Eichel, die so schwer ist wie zwanzig Eicheln zusammen? Und wie schön sie aussieht -. Jannis drehte diese Wundereichel noch ein paar Mal staunend auf seiner flachen Hand, nahm sie schliesslich in die Faust und rannte in die Stube.

"Vater, Mutter!", rief er, "Schaut, was ich gefunden habe!"

Jannis' Vater war gerade dabei, kniend den alten Kachelofen zu reparieren. Die Mutter sass am Webstuhl.

"Schaut her!", jubelte Jannis erneut, "Eine Wundereichel!"

Der Vater schaute sie zuerst lange an, hob sie dann aus Jannis' Hand und klopfte damit leicht an den Kachelofen. Schliesslich blickte er erstaunt auf: "Wo hast du die gefunden?"

"Draussen vor der Stalltür", antwortete Jannis.

Nun trat auch die Mutter herzu. Der Vater zeigte ihr die Eichel. Die beiden blickten sich lange und stumm an. Dann sagte die Mutter: "Da haben wir den Beweis!"

Jannis platzte fast vor Ungeduld und bettelte: "So sagt doch endlich, was los ist!"

Der Vater setzte sich jetzt an den Tisch und forderte Jannis mit einer Kopfbewegung auf, einen Stuhl zu nehmen und sich ihm gegenüber hinzusetzen. Der Vater legte die glänzende Eichel mitten auf den Tisch, fuhr sich dann mit beiden Händen durchs Haar und sagte schliesslich: "Diese Eichel ist aus Gold!"

Jannis beugte sich etwas vornüber: "Gold sagtest du? Echtes Gold?"

"Ja, echtes Gold", bestätigte der Vater, "Aber das ist nicht alles, was ich dir zu sagen habe."Jannis stützte sein Kinn auf seine ineinander geschobenen Hände und zeigte damit seinem Vater an, dass er bereit war, zuzuhören.

"Dein Grossvater", so begann Jannis' Vater zu erzählen, "war ein guter und lieber Mann. Aber er war arm; noch ärmer, als wir es sind. Eines Tages, als er im Wald Pilze suchen ging, entdeckte er in einem Gebüsch einen mächtigen Hirsch. Das Tier lag bewegungslos am Boden und dein Grossvater glaubte zuerst, es sei tot. Als er dann aber näher hinschaute, sah er, dass das Tier noch atmete. Der Hirsch war verletzt, er hatte eine tiefe Wunde am Hals."

"Mein Reh hatte auch eine Narbe am Hals", unterbrach Jannis seinen Vater und fragte dann: "Konnte mein Grossvater den Hirsch noch retten?"

"Ja, er holte Wasser aus einem nahe gelegenen Bach und wusch damit die Wunde aus. Danach brachte er ihm jeden Tag etwas Heu, bis er sich nach und nach erholte. Eines Tages war es dann soweit: der Hirsch konnte auf seinen Beinen stehen. Doch Grossvater wollte ihn noch nicht alleine ziehen lassen und folgte ihm nach. Vor einer mächtigen alten Eiche blieb das Tier stehen und schüttelte den Kopf. Der Grossvater war erstaunt und sah sich um: erst jetzt erkannte er die vielen Waldtiere, die rings um die Eiche am Boden lagen: Rehe, Hirsche, Wildsäue, Dachse, Füchse und Hasen. Alle hatten scheussliche Wunden am Hals.

Dem Grossvater wurde es von diesem Anblick übel und er musste sich an einen Baum lehnen. Als er sich etwas erholt hatte, pflegte und fütterte er alle diese verwundeten Tiere.

Gerade als das letzte Tier sich auf die Beine heben konnte, hörte der Grossvater ein Knurren, das immer lauter und lauter wurde. Als er sich umdrehte, sah er einen mächtigen Wolf auf sich zuspringen. Es war ein gewaltiges Tier, hatte riesige Pranken und Zähne, so scharf wie Messerklingen. Das Ungetüm sprang direkt auf deinen Grossvater zu. Dieser fiel zwar hin, wandte sich dann aber blitzschnell zur Seite ab, erhob sich sofort wieder und stand dann dem Wolf auf seinen Schwanz. Als der Wolf vor Schmerz aufheulte, dabei seine Schnauze weit aufriss und den Grossvater fressen wollte, warf dieser ihm einen giftigen Pilz in den Rachen. Der Wolf war derart überrascht, dass er den Pilz hinunterschluckte. Dann verdrehte er die Augen und blieb nach wenigen Sekunden tot liegen.

Grossvater wischte sich den Schweiss von der Stirne. Plötzlich wurde er angesprochen: 'Gut gemacht, wirklich gut, ja, ja!'

Als sich dein Grossvater erstaunt umdrehte, war die mächtige alte Eiche von oben bis unten aus purem Gold. Auf einem goldenen Ast sass eine Eule und sagte: 'Ja, ja, ich bin's, die Eule, die mit dir spricht. Da staunt der Held, was? Du hast die Tiere im Wald von diesem fürchterlich ungezogenen Wolf befreit, gratuliere! Eine starke Leistung, muss schon sagen. Huch!, das war nun wirklich ein übler Kerl, dieser Wolf, ein Flegel, ein Monster. Hast du übrigens bemerkt, wie der gestunken hat? Übel, sehr übel sag ich dir; ich meine, ab und zu mal ein wenig Seife wär' ja was gewesen... Und dann dieser Mundgeruch - ekelhaft. Pfui, pfui, pfui!, kann ich da nur sagen. Unsereiner putzt täglich seine Federn und gurgelt jeden Morgen mit frischem Quellwasser - schliesslich hat's ja auch hübsche Eulen-Damen im Wald, nicht? - aber wie dieser Stinksack rumgelaufen ist - eine Schande für unsere Gesellschaft, ja, ja!'

Die Eule hüpfte ein paar Mal auf dem Ast auf und ab und fuhr dann fort: 'Du bist der grosse Retter der Waldtiere! Du bist ein Superheld! Darf ich dich 'Robin Hood' nennen?'

Dein Grossvater war erstaunt: 'ICH habe die Waldtiere gerettet? Ausgerechnet ich, ein armer einfacher Mann?'

Die Eule rieb sich mit beiden Flügeln die Augen aus und sagte dann: 'Siehst du noch jemanden hier? - Ja DU, sagte ich doch! Hast du etwa Pilze in den Ohren? Nun gut: Es sind oft die einfachen und armen Leute, die die Welt zum Guten verändern. 800 Jahre lang mussten die Waldtiere nun unter diesem Fluch leiden - und das ist ganz schön lang, ja, ja. Während dieser Zeit wurden sie immer wieder von dieser Bestie angefallen und verletzt. Dieser Stinksack von einem Wolf war aber nicht immer ein Wolf, nein, nein! Früher war das der Hund eines Königs, ja, ja. Weil es diesem König manchmal fürchterlich langweilig war, fiel im nichts Gescheiteres ein, als im Wald Fallen aufzustellen. Sobald ein Tier in eine dieser Fallen trat, kam der Hund des Königs und biss das gefangene Tier tot. Der König liess dann diese Tiere ausstopfen. Der Schlossgarten war schon voll von ausgestopften Tieren - ein grauenvolles Bild, kann ich dir sagen, grauenvoll, geradezu grauenvoll sag ich dir!

Eines Tages tappte der König aber selbst in eine solche Falle - und wurde von seinem eigenen Hund tot gebissen. Das freute natürlich die Waldtiere; aber sie freuten sich leider zu früh, denn die ganze Gemeinheit dieses Königs ging nun auf seinen Hund über. Dadurch wurde der Hund zu einem Wolf, zu einer Bestie; zu einem stinkenden Monster eben. Ein Monster mit Mundgeruch - wääk! Und er fiel die Tiere an, wo er nur konnte - viele Hundert Jahre lang.

Wie dem auch war, jetzt ist er tot, sein Leben lang tot. Durch dein gutes Herz und deine Tapferkeit hast du diesem Fluch ein Ende gesetzt, ja, ja. Aber pass auf: Alle Nachkommen der Rehe, der Hirsche, der Dachse und was da sonst noch so alles in unserem Wald rumspaziert, werden von heute an mit einer Narbe am Hals geboren; zwar auch eine schlimme Sache, ja, ja, aber immerhin weniger schlimm, als von dieser miesen Stinkkröte da unten dauernd angefallen zu werden. Wegen deiner Heldentat gehört nun das ganze Gold des Königs den Tieren im Wald. Wie du siehst, sitze ich gerade drauf. Ein goldiger Junge auf einem goldenen Baum, hi! Aber du darfst leider, leider nichts von diesem Gold mit nach Hause nehmen. Nicht einmal ein Stäubchen. Nichts, überhaupt nichts: kein goldenes Blatt, keine goldene Eichel. Und du wirst diese Eiche nie wieder finden.'

Die Eule flatterte kurz mit beiden Flügeln und sprach dann weiter: 'Enttäuscht? Tja, so ist es halt im Leben: Nicht jeder wird reich, nur weil er mit giftigen Pilzen um sich wirft, hi! Spass beiseite: Du hast leider, leider nur den ersten Teil der Erlösung geschafft. Die Tiere werden aber weiterhin mit ihren Narben leben müssen, von Generation zu Generation, ja, ja, aber das hab ich dir ja schon mal erklärt. Und das geht so lange, bis jemand den zweiten Teil der Erlösung herbeiführt.'

Die Geschichte vom bösen König, Copyright by Kathrin Stippa, www.zeichenstun.de

Dein Grossvater fragte: 'Was muss ich tun, um diesen zweiten Teil zu erfüllen?'

'Das darf ich dir leider, leider nicht sagen', grinste die Eule frech und hob dabei ihren Schnabel etwas an, 'denn wenn ich's tue, werde ich wie diese alte Eiche zu Gold erstarren - und das will ich nicht. Nein, nein und nochmals nein! Denn dann könnte ich ja meinen Schnabel nicht mehr bewegen - huch!, sehr unangenehm für mich, sehr unangenehm sapperlot!'

Die Eule streckte ihren rechten Flügel weit nach vorne aus und sagte dann: 'Schluss mit dem Gequatsche: nun geh! Husch, husch! Der Hirsch dort drüben, ja der mit der triefenden Nase - wääk! -, wird dich zum Wald hinaus begleiten. Ein kleiner Hinweis will ich dir aber mit auf den Weg geben, Herr Robin Hood, ich bin ja kein Unmensch: Ein gutes Herz und Mut hast du nun bewiesen; was jetzt noch fehlt ist Tapferkeit in der Enttäuschung. Oder anders gesagt: Nasses Gras und du bist reich! Tschüs dann!'

Soweit die Geschichte", Jannis' Vater stand auf, ging ein paar Schritte und fügte dann noch hinzu: "Dein Grossvater hat die Lösung des Rätsels nie herausgefunden. Er litt sehr darunter. Auch deshalb, weil er den Fehler gemacht hatte, dies alles den Leuten im Dorf zu erzählen. Sie glaubten ihm kein Wort. Sie lachten ihn aus. Sie verspotteten ihn. Und keiner wollte ihm mehr was abkaufen, weil man ihn von da an 'Lügner' nannte. So wurde er ärmer und ärmer, bis er starb."

Jannis nahm die goldene Eichel an sich, betrachtete sie und flüsterte: "Und du glaubst, die kommt von der goldenen Eiche, die der Grossvater damals gesehen hatte?"

"Ja, das glaube ich", bestätigte der Vater. "Und ich glaube auch, dass du, mein Sohn, den zweiten Teil der Erlösung herbeigeführt hast, denn sonst hätte niemand Gold aus dem Wald tragen dürfen. Nur: WIE du es schaffen konntest, bleibt mir ein Rätsel."

Jannis erhob sich und ging in der Stube auf und ab. Nach einer Weile blieb er stehen, drehte sich zu seinen Eltern um und sagte: "Was hatte die Eule gesagt?: 'Nasses Gras und du bist reich'? - Ich habe meinem Reh nur ein Stück Brot und Heu gegeben - also trockenes Gras."

Plötzlich erhellte sich Vaters Gesicht. Er ging zu Jannis, legte beide Hände auf seine Schultern und sprach: "Es war zwar nur trockenes Heu, ja, aber du hast es mit deinen Tränen nass gemacht..."

Jannis schaute lange in Vaters glücklich strahlende Augen. Eine Träne lief Jannis über die Backe, als er leise wiederholte, was ihm der Vater damals gesagt hatte: "Wer enttäuscht wird, während er Gutes tut, dem wird einmal jede Träne vergoldet."

Von diesem Tag an kam jeden Abend ein Reh aus dem Wald und legte eine goldene Eichel vor die Stalltüre. Jannis bastelte mit diesen Eicheln wunderschöne Kunstwerke, die er dann auf dem Markt teuer, sehr teuer verkaufen konnte.

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