Klassentreffen

von Hugo Weyermann

Alle Rechte vorbehalten


"Grüss dich, Jacqueline, schön dich zu sehen."

Für einen Augenblick wurde ich ein paar Jahrzehnte zurückversetzt: Kramt Jacqueline in Mathe-Prüfungsbogen rum und gedenkt sie, diese an uns zu verteilen? Ist es diesem cleveren Mädchen einmal mehr gelungen, das Lösungsblatt für einen Moment heimlich "auszuleihen" und es derweil für uns alle zu fotokopieren? Dabei weiss ich (einmal mehr) nicht, dass heute in diesem Fach eine Prüfung ansteht... Womit bewiesen ist, dachte ich weiter, dass der Lehrer nicht imstande ist, sich uns gegenüber so deutlich auszudrücken, dass es auch der Hinterste versteht.

Ich schaute etwas genauer auf Jacquelines Zettel: Die Gegenwart, die ich eben mit Wucht weggeschleudert hatte, kam wie ein Bumerang zurück und zischte direkt auf mich zu: Anmeldungen zum Klassentreffen waren's! Neunundfünziger Jahrgang. Puh!

Ich musste also befürchten, es heute mit ziemlich alten Leuten zu tun zu haben. Sie dürften alle schon fünfundvierzig Jahre auf dem Puckel... - sapperlot, wie die Zeit vergeht?! Eben rannte ich noch - mit dieser Jacqueline und vielen anderen Kindern - wie der Blitz kreuz und quer über diesen Platz und spielte Fangen bis zum Einläuten oder bis zum Umfallen - und heute? Heute treffe ich mich mit Leuten, die alle älter sind als meine Mutter damals war. Bin ich hier richtig?

Der Schulhausplatz sah noch aus wie in jenen Tagen: Ein paar geometrisch einwandfrei hingegossene Mauern mit teils quadratischen, teils runden Löchern drin; da und dort Sitzbänke; hie und da ein Spielgerät; und quer hindurch zwei Baumreihen. In einer der Mauern entdeckte ich eines der vielen einbetonierten Röhrchen, die sich wunderbar zu Jagdhörner umfunktionieren lassen; man muss nur wissen, wie man seine Lippen anpressen und wie stark man hindurch pusten muss. Ob ichs noch einmal versuchen soll?

Der eine oder andere Baum müsste mich noch kennen, überlegte ich mir. Sie stehen noch da, wie eh und je - und könnten bestimmt so manch lustige und traurige Geschichte erzählen...

Jacqueline lachte. Soweit ich mich erinnern kann, hatte sie schon damals so herzhaft und so viel gelacht. Vielleicht hat sie gar nie aufgehört zu lachen? Vielleicht ist sie die(!) Ausnahme und das(!) Vorbild, wie man es hätte machen sollen: Das sorglose Lachen, das jedes Kind in den ersten Monaten seines Lebens meist spielend leicht erlernt, nie aufgeben; den schönen Moment, der einem zum Lachen nötigt, nicht wegen irgend welcher Pflichten auf morgen verschieben; lachen, weiterhin lachen, dennoch lachen. Und überhaupt: Ist es wirklich nötig, dass wir im Laufe unseres Erwachsen-Werdens alles Kindliche von uns abstreifen? Klar: das Kindische muss weg, aber auch alles Kindliche? Stünde es nicht besser um uns Erwachsene, wenn wir das kindliche Lachen beibehalten hätten? Und den kindlichen Optimismus? Und den kindlich wahren Blick?

"Hätte nicht gedacht, dass du auch kommen würdest." Einer kam auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen. Er hatte die Sonnenbrille auf und trug eine massive, halblange Goldkette um den Hals, die vor allem deshalb ins Auge stach, weil sie sich von der sonnengebräunten Brust glänzend abhob. Sein Hemd war von oben her bis kurz vor den Bauchnabel aufgeknöpft: Das konnte nur Patrick sein. Wie hatte ich ihn doch damals beneidet: die hübschesten Mädchen lagen ihm zu Füssen - er hatte stets die Qual der Wahl. Wir waren Freunde, denn immerhin ebnete er mir Wege, hin und wieder bis auf zwei Meter an Mädchen heranzukommen.

"Hallo Patrick, alter Junge!", erwiderte ich, "Du hast dich nicht verändert. Wie gehts der Familie?"

Seine Ausführungen waren ernüchternd und bestätigten meine Vermutung, dass es auf dieser Welt keinen einzigen Mann gibt, der (zu) hübsche Frauen auf die Dauer bei Laune halten kann.

Neben Jacqueline, die jetzt bei jemand Anderem lachte, lehnte sich Christine an die Mauer. Ich begrüsste sie und war erstaunt, dass sich ihre hübsche Nase in all den Jahren nicht verändert hat; das beeindruckte mich. Es muss auf dem Markt ein kosmetisches Produkt mit dem Namen "Oil of noses" - oder ähnlich - geben, war mein erster Gedanke, und sie muss es mehrmals täglich anwenden. Doch schon der zweite Versuch, die Ursache ihrer hübsch gebliebenen Nase zu ergründen, lenkte meine Gedanken in eine philosophische Richtung und schliesslich zu folgender Vermutung: Wer wie Christine beruflich während mehrerer Stunden im Tag mitten in einer Schar Kinder steht, und das schon seit vielen Jahren, dessen Nase muss ewig jung bleiben! Christine ist Lehrerin an "unserer" Schule. Ja das, das muss der Grund sein! Klar, auch Lehrerinnen werden alle zwei Semester ein Jahr älter, aber das herrlich Naive "ihrer" Kinder und das himmlisch Infantile hemmt das Altern ihrer Nasen.

Ich begrüsste Barbara, Ruedi, Beatrice, Kurt, Beat und noch viele andere. An jedes Gesicht erinnerte ich mich - mehr oder weniger; die Gesichtszüge ändern sich halt im Lauf des Lebens nicht wesentlich (die Nasen von Lehrerinnen bleiben gar immer gleich).

Dann kam Fredi. Fredi der Bauer. Jeder seiner Schritte war gut überlegt, so dass man hätte meinen können, er ginge über eine Kuhweide. Seine leicht vibrierenden Arme erweckten den Eindruck, er hätte die meiste Zeit seines Lebens auf einem Traktor verbracht. Und selbst wenn wider Erwarten jemand an seiner Profession gezweifelt hätte: spätestens beim Händeschütteln wäre ihm alles klar geworden: er knetet einem mühelos vier Finger zu einer einzigen Masse zusammen. Ein sehr ruhiger und stiller Typ, dieser Fredi. Sein Erscheinen liess mir wieder bewusst werden, dass ich in einem Bauerndorf aufwachsen durfte: Wir Kinder hatten genügend Freiflächen, konnten und durften uns austoben; wir hatten eine innige Beziehung zur Natur; wir durften ins Heu springen, wir durften uns in Brunnen setzen - wir durften Kinder sein, lange Kinder sein. Wenn ich heute mit meinen Kindern in den Wald gehe, sollte ich sie nicht von den himmlisch feinen Walderdbeeren naschen lassen - die Kinder könnten sich dabei den Fuchsbandwurm "holen"; und bei einer interessanten Expedition ins Unterholz könnten sie sich durch einen Zeckenbiss mit dem Borreliose- oder gar mit dem noch schlimmeren Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSMEV) anstecken; Wiesen werden überbaut, Bäche in Röhren gefasst; Rasen betreten verboten! - Wen wunderts also, dass sich die Kinder in elektronisch erschaffene und somit meistens realitätsfremde Welten zurückziehen?

Die beiden Schulhäuser standen noch so streng da wie damals. Christine schloss uns die Klassenzimmer auf: Die Luft roch nach Diktat und Matheprüfung - wie damals. An den Wänden des letzten Zimmers hingen Fotos unserer damaligen Klasse. Die meisten in Schwarzweiss und ziemlich unscharf. Zum guten Glück, denn wären sie farbig und schärfer gewesen, hätte man sie leicht mit Gemälden von Albert Anker verwechseln können. Ist das tatsächlich schon so lange her? Hat sich die Zeit tatsächlich so sehr verändert? Bin das tatsächlich ich hier? Bin ichs wirklich?

Wieder draussen an der frischen Luft zündete ich mir eine Zigarette an und nahm mir vor, in den nächsten Stunden jedem Spiegel selbstgefällig aus dem Weg zu gehen.

Dann gings zu Fuss Richtung Dorfmitte. Ich wusste, dass heute Markt war (wir konnten die militärisch streng ausgerichteten Töne der Brass-Band schon von Weitem hören). Vor meinem geistigen Auge baute sich wie von Geisterhand eine riesige virtuelle Flasche Bier auf und ich sah mich deshalb gezwungen, mein Schritttempo zu erhöhen. Silvia ging neben mir her, wollte mit mir konversieren und hielt dem Tempo stand; aber ich konnte keinen einzigen Laut formen: Meine Kehle war ausgetrocknet, meine Stimmbänder waren so spröde, dass ich befürchten musste, sie demnächst zusammen mit dem inhalierten Rauch von der Zigarette auszuatmen. Die Sonne brannte auf uns nieder als läge dieses Städtchen am Äquator.

Viele Leute drängten sich zu den Marktständen. Hier war alles zu haben: von weissen Socken bis zu schwarzen Unterhosen. An einem Degustationsstand entdecke ich eine offene Flasche Wein - aber weit und breit kein Bier. Drei Schritte später: Süssigkeiten. Dann wieder Socken. Und nochmals Unterhosen.

"Wo ist Jacqueline?!", wollte ich schreien, denn sie als Organisatorin dieses Events wüsste bestimmt, wos hier - sapperlot - ein kühles Bier gibt - aber ich brachte nur ein fürchterliches Quietschen über meine spröden Lippen. Fredi der Bauer schaute mich an, als wäre ich sein Traktor.

Endlich: Ich hörte ein Lachen, fokussierte dessen Quelle, rannte schnurstracks drauf los und riss Jacqueline flegelhaft eine der vielen Bierflaschen aus den Armen - ist sie nicht goldig, die Jacqueline? Denkt an alles.

Zehn Sekunden später nahm ich die leere Flasche von den Lippen und - finde mich direkt in Ursulas Blick wieder. Ein befreiendes Rülpsen lag unter diesen Umständen nicht drin, schliesslich gehören wir einer Generation an, die noch zu Anstand erzogen worden ist. Nein, rülpsen in der Gegenwart einer Frau gehört sich nicht. Ein altbewährtes Mittel in einer solch qualvollen Situation ist nach wie vor das Taschentuch: man schnäuzt mutmasslich hinein und lässt gleichzeitig die sich an der Kehle gestaute Luft raus. Das Wichtigste bei dieser Methode, ein Rülpsen erfolgreich zu kaschieren, ist das Timing - nebst dem Sich-leicht-zur-Seite-Abwenden, notabene.

"Ich hatte Durst", wollte ich mich Ursula gegenüber rechtfertigen, "starken Durst, wahnsinnig starken Durst sozusagen."

Ursulas Gesichtsausdruck war tief gehend und weit blickend wie schon damals. So kann nur jemand lächeln, der sich über das Leben allgemein und über den Sinn seines eigenen Lebens ziemlich oft Gedanken macht. Es ist ein Lächeln eines schon weise geborenen Mädchens und einer immer weiser gewordenen Frau. Wenn sie einen anschaut, muss sie nicht unbedingt was sagen - sie hat dann bereits alles gesagt.

Auf dem Weg zur Holzbrücke hörte ich aus der Masse sich amüsierender Marktbesucher ein lautes und militärisch strenges "Hey, Hugo!" heraus. Ich drehte mich um - ein Mann sprang auf mich zu: "Du hier?", keuchte er, "Es geschehen noch Zeichen und Wunder, verdammt. Was machst du denn in unserer Gegend? Du schleichst dich doch sonst in der Nähe von Zürich rum?"

Ich kannte den Mann nicht, wollte aber meinen bestimmt nur temporären Gedächtnisschwund tarnen und erwiderte: "Hallo, du! Wie gehts dir denn so, alter Junge?" - Der Mann war mir unbekannt, völlig unbekannt.

Jetzt haute mir der Typ (wahrscheinlich aus überschwänglicher Freude über das Wiedersehen) eins auf den Rücken, so dass ich beinahe gestürzt wäre. "Weisst du noch?", schrie er mir dabei ins Ohr, "Ha, das waren noch Zeiten, du alte Krakele!"

Ich wusste mit dem besten Willen nicht, wer dieser Kerl war - und haute zurück. "Klar weiss ich das noch", sagte ich und half ihm beim Aufstehen, "wer wird denn schon diesen alten Hosenscheisser vergessen?" - Tja, da war ich doch tatsächlich in eine typische Lügenfalle getappt, aus der man kaum mehr rauskriechen kann.

Der Unbekannte wischte sich mit den Händen den Staub von den Knien. Dann schaute er mich verständnislos an: "'Hosenscheisser'? Ich dachte, du hättest mich damals 'Windelnfeger' genannt?"

Ich lachte was das Zeug hielt: "Ein Besserwisser par excellence - du hast dich in all den Jahren kein Bisschen verändert: Will nach wie vor alles besser wissen, der Hosenscheisser - ha, ha! 'Windelnfeger' ist aber auch gut, sehr gut, ha!"

Er war mir vollkommen unbekannt, dieser Hosenscheisser. Der Möchtegern-Boxer musste mich mit jemand anderem verwechselt haben.

"Muss jetzt gehen", sagte ich, "Klassentreffen, weisst du? Muss jetzt gehen, sonst verliere ich den Anschluss."

Einige Schritte weiter überfielen mich Zweifel: Nannte ich in meiner Kindheit mal jemanden "Windelnfeger"? Müsste ich mich an sein Gesicht erinnern? Habe ich vergessen, dass mich früher mal ein Windelnfeger "Krakele" nannte? - Nach den Zweifel kam auch noch das Mitleid: Ich liess ihn einfach stehen, versuchte nicht mal herauszufinden, wer er war; fragte nicht nach. Wie muss er von mir enttäuscht sein...

Ich drehte mich also noch einmal zu ihm um, winkte ihm zu und rief: "Viel Glück, Windelnfeger!"

Jetzt lachte er wieder, der Windelnfeger, jetzt lachte er wieder...

Nach einer Viertelstunde Fussmarsch erreichten wir Fredis Gärtnerei (Anm. d. Red.: Bitte verwechseln Sie Fredi den Bauer nicht mit Fredi dem Gärtner. Danke). Fredi der Gärtner kam - so viel ich weiss - schon in dieser Gärtnerei zur Welt. Fredi ist - so viel ich weiss - in dieser Gärtnerei gross geworden. Fredi hat - so viel ich weiss - in dieser Gärtnerei den Gärtnerberuf erlernt. Fredi ist - so viel ich weiss - in seiner Gärtnerei jetzt Chefgärtner. Fredi wird - wie ich vermute - noch ewig in dieser Gärtnerei rumgärtnern.

Fredis Gärtnerei war schön und gross: Viele Blumen, Sträucher, Bäume, Gebüschzeug und so. Alles sah wahnsinnig aufgeräumt auf; da wuchs keine Blume im falschen Topf, da war alles aufeinander abgestimmt: Fredis Hemd passte farblich zu den Torfsäcken.

Mitten in diesen wunderschönen und wahnsinnig aufgeräumten Blumen stand ein kleiner Tisch: Jacqueline füllte weissen Wein in Gläser - Aperitif.

Das war das Stichwort für Ottis Auftritt. Otti hatte offensichtlich die Funktion eines Event-Assistenten inne. Otti ist Jacquelines Ehemann - er dürfte also viel mitzulachen haben. Ein Mann mit Format, einer, der sich nicht so leicht wegpusten lässt, ein Macher, ein Anpacker - ein Pfundskerl. Sollte ich je einmal auf die absurde Idee kommen, Pferde stehlen zu gehen, werde ich ihn zu meinem Komplizen machen.

Otti karrte einen Wagen mit hölzernen Rädern in die Glashalle. Darauf lag - wundervoll komponiert - eine Sinfonie aus lauter Köstlichkeiten: von Weichkäse bis zu Oliven, von Bananen bis zu Datteln. Und ich war zusätzlich erstaunt: sowohl die Datteln als auch die Oliven waren entkernt - wie angenehm! Das konnte nur auf Gärtner-Fredis Order hin geschehen sein - wohin hätten wir wohl die Kerne gespuckt?

Ich angelte mir eine gefüllte rote Peperoncini - leider. Das Ding war scharf, sehr scharf, extrem scharf! Innert Minuten verwandelte ich mich in einen Feuer speienden Drachen, Bäche salzigen Wassers flossen über mein Gesicht und alle Blumen um mich herum verwelkten im Nu. Jetzt nur kein Wasser trinken, dachte ich, und erinnerte mich dabei an den Kurs "Italienisch kochen für Männer", den ich vor ein paar Jahren besucht hatte: Damals tappte ich zum ersten Mal in diese Peperoncini-Falle und hatte schon damit gerechnet, tot in die aldenten Spaghetti zu fallen. Mein Kochpartner gab mir daraufhin ein Glas Wasser, dessen Inhalt ich dankbar in meine brennende Kehle schüttete - aber das machte alles nur noch viel schlimmer: Meine Haare fingen zu glimmen an, meine Augen wurden von Schweiss überflutet. Blind tastete ich mich zur Kursleiterin vor, bis ich sie endlich mit beiden Händen spüren konnte und fragte sie, wie ich - bitte! - mein ach noch so junges Leben retten könne. Sie haute mir dann eine Flasche Olivenöl über die Rübe. Mein prima Kochpartner berichtete mir später, ich hätte mit meinen Händen die Kursleiterin versehentlich an zwei (für sie) unangenehmen Stellen getroffen, und nach dem Schlag habe sie ihm erklärt, Wasser trinken sei in einer solchen Situation das Dümmste, was man tun könne; nur Idioten wüssten das nicht. - Damals schwor ich mir, nie wieder in die Nähe von roten Peperoncini zu kommen, von Kochlehrerinnen mehr Abstand zu nehmen und Kochpartnern prinzipiell zu misstrauen.

Scheiss Peperoncini! Verflixt, ich bin alt geworden, lerne nicht mehr aus Erfahrungen und tappe wie ein Idiot in Löcher, die ich eigentlich umgehen wollte. Immerhin: es wäre angebrachter, in Fredis süss riechender und wahnsinnig aufgeräumter Gärtnerei zu sterben, als in einer dampfenden Küche eines Schulhauses.

Ich sah, wie das Gesicht von Fredi (dem Gärtner) immer röter wurde, wenn auch nicht ganz so rot wie meines: offenbar schämte er sich wegen der verwelkten Blumen in seiner einwandfrei aufgeräumten Gärtnerei. Schuldbewusst wandte ich mich ab, begann zu pfeifen und verliess die Glashalle so dezent langsam wie ich nur konnte.

Rasen - gut gepflegter, nicht zu lange gewachsener Rasen: das half. Wenn es um Leben und Tod geht, ist es egal, ob du dich verhältst wie ein Schaf; Hauptsache, du bleibst am Leben.

Ein weiterer Fussmarsch stand uns bevor: Von Fredis erstaunlich aufgeräumter Gärtnerei über die "blaue Brücke" bis zum Klubhaus des FC; eine knappe halbe Stunde. Ich sprach derweil mit Dani, dem internen Revisor: Wie alt seine beiden Töchter seien, fragte ich ihn, und ob es sich mit drei Frauen zusammen gut leben liesse. Der gross gewachsene, schon stark grau melierte Mann schmunzelte, winkte ab und sagte: "Frag mich das nicht." Nach einem Kopfschütteln erklärte er mir dann aber doch, dass es jeweils vor dem Urlaub am schlimmsten sei: Wenn seine Frau und seine beiden Töchter schon Wochen vor der Abreise zu Packen begännen, würden sich Koffer um Koffer im Tagestakt füllen. Er(!) sei es dann, der schliesslich die tonnenschwere Fracht hinausschleppen und - wie auch immer - ins Auto wuchten müsse. Dani liess seinen Kopf nach vorne fallen und fügte dann noch hinzu: "Ich selbst habe jeweils in zehn Minuten meine sieben Sachen beieinander."

Armer Kerl, dieser Dani, dachte ich: drei Frauen im selben Haus - wer hält das schon aus. Ich sagte ihm dann, dass sich meine beiden Frauen ähnlich verhielten und dass auch ich jeweils nur so viel mit in den Urlaub nehme, wie in einem Tupperware Platz finde - aber das vermochte ihn kaum zu trösten. Jetzt wurde mir auch klar, weshalb Dani so lange Arme hatte, der gepeinigte Sherpa.

In der FC-Hütte angekommen, donnerte Binggeli mit seiner Harley-Davidson heran. Er kann es offenbar nicht haben, wenn die Gute zu weit weg von ihm rumsteht, also ist er sie holen gegangen. Ein schönes Motorrad - ich beneide ihn darum. Binggeli ist ein wandelndes Witzbuch im Leder-Cover. Wenn du die Angst einmal überwunden hast und dich traust, ihm "hallo" zu sagen, dann merkst du rasch, dass dieser Obelix im Lederanzug ein toller, umgänglicher und eben witziger Typ ist; er kann keiner Fliege was zu Leide tun.

Die Hütte ist schlicht und doch komfortabel eingerichtet - eine typische Clubhütte halt. Und wieder waren es Otti und Jacqueline die alles herrichteten: Hut ab! vor den beiden.

Bei Fondue chinoise und süffigem Rotwein ergaben sich viele interessante Gespräche: kunterbunte Skizzen von verschiedenartigen Lebenswegen und von einmaligen Lebenssituationen. Ob durch Zufall, Schicksal, Bestimmung oder Fügung: keiner der begangenen Wege glich dem andern - auf jedem Weg lagen besondere eindrucksvolle Ereignisse und mussten verschiede Hindernisse überwunden werden. Wenn auch unsere Anfänge ähnlich waren: die Winde trieben jedes in eine andere Richtung, die Wetter hinterliessen bei jedem andere Spuren. Ich frage mich: wozu Freude, Leid, Enttäuschung, Glück und Sorge? - Wir werden dadurch reifer, sie machen uns weise und philosophisch - drei wunderbare Geschenke für unsere eigenen Kinder.

Es war drei Uhr morgens und kein Mensch mehr auf den jetzt nassen Strassen. Ich ging durchs dunkle, ruhige, schlafende Dorf und konnte dabei jeden meiner Schritte hören.

Beim Schulhaus blieb ich einen Moment stehen: Ihr lieben Kinder, flüsterte ich in die Dunkelheit, ihr seid, wer ihr sein sollt; euer Wesen ist vorbestimmt und ihr werdet euch kaum mehr grundlegend ändern. Freude, Leid, Enttäuschung, Glück und Sorge werden euch jedoch noch reifer werden lassen und hoffentlich zu weisen, weil philosophischen Menschen formen. Liebes Kind, bleibe aber immer dich selbst, egal, wie andere dich nennen; "Krakele", "Windelnfeger" oder "Hosenscheisser".


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