Milch und Honig

Politsatire von Hugo Weyermann

von Hugo Weyermann

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Am Rande einer internationalen Konferenz zur Erhaltung und Förderung der Milch- und Honigproduzenten trafen sich im Hotel "Espérance" in Paris zwei Staatschefs beim Diner. Ihre beiden Tischkarten lagen gleich nebeneinander. Wie ihre beiden Länder ja auch nebeneinander liegen.

Nicht, dass man es den beiden schwarz gekleideten Männern angesehen hätte, zumindest nicht auf Anhieb, aber ihre Völker waren arm. In ihren Ländern floss weder Milch noch Honig. Manchmal floss nicht mal Wasser. Schon gar nicht floss Geld. Wenn die beiden Staatschefs nicht schon vor Jahren die tröstende, beruhigende, sinnlich und vergessen machende Wirkung importierten Weins entdeckt hätten, würde in ihren beiden Ländern gar nichts fliessen. Nun, es soll hin und wieder vorgekommen sein, dass die Bewohner beider Länder ihre Armut nicht mehr ertragen wollten - dann floss Blut. Das sahen die beiden Staatsoberhäupter nicht gern. Aber was sollten sie denn nur dagegen tun? Wie sehr sie sich auch darum bemüht hatten, es liess sich weder ein Investor noch eine Hilfsorganisation finden, die etwas Geld ins Land gebracht hätten. Und vom grossen humanitären Geldkuchen, den reiche Staaten für arme Staaten zu backen pflegen, schnitt man für sie nichts ab, nicht mal ein kleines Stück; man liess sie nur an der Tortenschaufel lecken. Niemand kannte ihre Länder, weil ausländische Medienschaffende ihre Länder auch nicht kannten - und weil sie regelmässig Wichtigeres zu berichten wussten: Etwa, dass der Start der Columbia wegen schlechten Wetters habe verschoben werden müssen, oder dass die amtierende Miss Universum selten einen Büstenhalter trage.

Die beiden Staatsmänner kamen gerade vom reichhaltigen und opulent assortierten Dessertbuffet zurück, als ihnen Jacques René Chirac zublinzelte und sie mit einem Kopfschlenzer zu sich her bat. Die beiden schauten einander verdutzt in die Augen, zogen dann fast gleichzeitig ihre Schultern hoch und traten auf den Gastgeber zu.

"Wer seid ihr?", fragte Chirac und stocherte Hummer aus seinen Zähnen.

"Marsola O'Batu", stellte sich Marsola O'Batu vor, legte seinen mit Süssigkeiten überhäuften Teller auf den Tisch und streckte dann Jacques seine rechte Hand hin.

Dieser musterte ihn zuerst von oben bis unten, schmiss ihm dann den feuchten Zahnstocher in die Hand und sagte: "Merçi, mon ami. 'Marsala'? - Ah, das ist Wein von Sizilien, n'est-ce pas."

"Entschuldigen Sie", schmunzelte Marsola O'Batu angewidert, "'Marsola', nicht 'Marsala'".

Chiracs Gesicht verfinsterte sich: "Cleinlisch, sehr cleinlisch, mon ami." Dann musterte er den zweiten Gast.

"Johabu Mahiba", gab der sich zu erkennen, "Ich komme aus Neumatu, welches gleich neben Perasa liegt, von wo mein Freund Marsola herkommt. Wir freuen uns, Ihre Bekanntschaft zu machen."

Jacques René Chirac kratzte sich im schütteren Haar, fasste sich mit der rechten Hand ans Kinn und drückte dann mit dem Zeigefinger seine Nasenspitze hoch: "Ça fait rien, mes amis. Sie, ja Sie, Sie sind bestimmt Imker, n'est-ce pas? Die vielen kleinen Blasen in Ihrem Gesicht … C'est amusant! Und Sie? Sie sind … Sie sind … Attendez, attendez … Ihre dicken Finger … Ich habs: Melker! Ja, Sie sind bestimmt Melker, n'est-ce pas? Egal. Schicken Sie mir bitte eine Ansichtskarte aus euren Ländern. Ich liebe Ansichtskarten. Ihr habt doch Briefmarken in euren Ländern, oder? Ich sammle nämlich welche. Aber bitte mit Stempel, immer mit Stempel, nie ohne Stempel. Au revoir. Allez donc."

Die beiden verabschiedeten sich mit einem verklemmt manierlichen Lächeln.

"So geht das nicht", murmelte Marsola O'Batu, als sich beide wieder an den Tisch in der linken hintersten Ecke des Saales setzten, "So nicht! Wir müssen uns was einfallen lassen."

Johabu Mahiba zündete sich eine Zigarette an und steckte das noch brennende Zündholz in seinen Vanille-Pudding. "Wir müssen. Ja, wir müssen!", bekräftigte er.

Marsola: "Wir entführen Jacques, den Gaullisten, und verlangen Lösegeld. Das Geld lassen wir dann zu zwei Dritteln unseren Völkern zukommen."

Johabu: "Nein, zu riskant. Zum einen würde er in der Haft nach unserem Wein schreien, und zum anderen würde der französische Senat von uns das Lösegeld zurückverlangen, sobald wir Jacques freigelassen hätten."

Marsola: "Wir könnten den reichen Ländern sämtliche Wissenschaftler abkaufen. Die könnten dann in unseren Ländern neue wirtschaftliche Impulse setzen. Wir locken sie mit Geld und schönem Wetter."

Johabu: "Geld? Mein Freund, denk nach!"

Marsola: "Du hast Recht."

Johabu: "Hm …"

Marsola: "Wir müssen etwas tun, was die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf unsere Länder lenkt. Es müssen Journalisten her. Reporter. Fernsehteams."

Johabu: "Vergiss es, die Olympiade kriegst du nie."

Marsola: "Ein anderer Wettbewerb, vielleicht?"

Johabu: "Etwa für Melker und Imker? Wir haben weder Kühe noch Bienen."

Marsola: "Eine Miss-Milchstrasse-Wahl?"

Johabu schüttelte schwach den Kopf.

Marsola: "Wir bauen eine Pyramide?"

Johabu: "Bauen? Mein Freund, denk nach!"

Marsola: "Wir lassen unser Land durchwühlen - und ich sage dir, wir werden was für den Tourismus finden. Unsere Vorfahren sind doch bestimmt nicht den lieben langen Tag nur rumgesessen, die waren ja nicht blöd, unsere Vorfahren. Ein Mausoleum vielleicht, oder ein Amphitheater. Oder ein Tempel. - Eine Steinhütte? Eine gepflasterte Strasse? Ein Krug? Ein Krügchen? Ein Steinzeitmesserchen? Ein …"

Johabu: "Unser Boden ist zu hart, da lässt sich nicht drin rumwühlen."

Marsola: "Wir könnten was erfinden, was noch niemand erfunden hat. Golfplätze ohne Rasen, zum Beispiel."

Johabu: "Wenn du mich fragst, gibts nur eine Lösung."

Marsola: "Und welche?"

Johabu: "Krieg."

Marsola hustete: Sein Petit-Beurre war ihm im Hals stecken geblieben. Mit rotem Kopf grinste er: "Weißt du, was ich verstanden habe? Du wirst es nicht für möglich halten: ich habe geglaubt, die hättest eben 'Krieg' gesagt - hi!"

Johabu: "Ich habe 'Krieg' gesagt."

Marsola schüttete sich ein Glas Gaillac 1965 die Kehle runter: "Du hast 'Krieg' gesagt?"

Johabu: "Ja."

Marsola: "Krieg? Mit wem?"

Johabu: "Mit dir."

Marsola: "Mit mir?"

Johabu: "Mit dir."

Marsola: "Krieg? Mit mir? - Schon gut, schon gut, ich gebs ja zu: Der Wein war an dich adressiert. Es war eine klitzekleine Palette aus Portugal. Der LKW fuhr so (er zeigte wie) nah an meinem Haus vorbei. Und da hab - hab ich - hab ich ihn halt amtlich stoppen lassen. Und weißt du was? Der war gar nicht gut, der Wein! Nein, der war sauer, ja, sauer. Meine Frauen wollten den nicht mal zum Kochen nehmen - stell dir das mal vor! Pfui, pfui, pfui. - Aber deswegen gleich einen Krieg beginnen … Ich weiss nicht …"

Johabu: "Ich greife dein Land an, und du greifst mein Land an."

Marsola: "Wenn du willst, besorg ich dir eine Palette verstärkten Wein aus 'Vila Nova de Gaia'. Der soll sehr gut schmecken und ein Bouquet haben, das … Okay, ist schon bestellt."

Johabu: "Krieg erweckt Aufmerksamkeit."

Marsola: "Das kannst du laut sagen …!"

Johabu: "Man wird uns auf allen Kanälen bringen: CNN, Rai, TV5, TVE, ARD, ZDF, SF, KiKa - die ganze Welt wird über uns berichten."

Marsola: "Und was haben wir beide davon? Und was haben unsere Völker davon, he? Ich meine, ausser Tote? Kein Krieg ohne Tote! Und die kaputten Häuser? Und die kaputten Strassen?"

Johabu: "Entweder es stirbt keiner, dann verhungern alle. Oder es sterben ein paar Wenige und alle Anderen überleben. Was willst du?"

Marsola: "Nun … Und woher soll dann das Geld herkommen?"

Johabu: "Vom Kuchen. Sie werden wegen uns einen noch grösseren Kuchen backen, und sie werden uns ein grosses Stück davon abschneiden. Aus Mitleid. Endlich Mitleid! Humanitäre Hilfe von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, private Spenden und dergleichen."

Marsola: "Du meinst, dann wird wieder Milch und Honig fliessen in unsere Länder? Jedenfalls für diejenigen, die überlebt haben?"

Johabu: "In diesem Krieg werden nicht mehr Leute fallen, als bei uns in einem Jahr verhungern. - Das Geld wird reichen. Nicht nur für den Wiederaufbau. Wir werden endlich unsere Landwirtschaft und den Tourismus ankurbeln können."

Marsola: "Das Projekt ist also nachhaltig?"

Johabu: "Ich sage dir: Ja!"

Marsola: "Man wird uns nach dem Grund für die militärische Intervention fragen?"

Johabu: "Ein unausweichlicher Unabhängigkeitskrieg: Ich kann es nicht mehr länger dulden, dass Güter, die für mein Land bestimmt sind, von irgendwelchen ausländischen Diktatoren konfisziert werden. Austragen eines Konflikts zwecks Wiederherstellung der nationalen Souveränität und des Weltfriedens. Nieder mit den Schurkenstaaten! Liberté - Egalité - Fratern …"

Marsola: "Es reicht. Das mit den 'Diktatoren' und das mit den 'Schurkenstaaten' will ich in diesem Zusammenhang nicht mehr hören!"

Johabu: "War ja nicht so gemeint."

Marsola: "Schon gut. Haben wir genug Waffen?"

Johabu: "Ich hab 'n paar Raketen, das dürfte genügen. Wenn du keine hast, kannst du welche von mir haben."

Marsola: "Du hast Raketen?"

Johabu: "Nun ja, solche Dinge erzählt man halt nicht überall rum …"

Marsola: "Mir hättest du es sagen können: wir sind Nachbarn."

Johabu: "Eben."

Marsola: "Einverstanden, wir teilen deine Raketen. Fifty-fifty. Wenn du willst, kannst du 'n paar Panzer von mir haben."

Johabu: "Du hast Panz … Okay, wir teilen deine Panzer. Ich habe zehn Flugzeuge - willst du vier?"

Marsola: "Fünf!"

Johabu: "Dann fünf."

Marsola: "Wann fangen wir mit dem Kriegen an?"

Johabu: "Ich fliege morgen früh zurück. Und du?"

Marsola: "Mein Flieger geht noch heute Nacht - muss schliesslich einen Krieg vorbereiten."

Johabu: "Gut. Ich schlage vor: wir bekriegen uns in genau achtundvierzig Stunden. Uhrenvergleich!"

Marsola: "Sollen unsere beiden Verteidigungsminister noch heute den vereinbarten Waffentausch in die Wege leiten?"

Johabu: "Ja, bitte. Und sie sollen dann auch gleich die Ziele vereinbaren und die Evakuation vorbereiten. Mein Kulturminister wird schon mal ein schmuckes Friedensabkommen verfassen."

Marsola: "Dann wäre ja soweit alles geregelt. Also dann, ich muss los. Noch was: Schreibst du dem Typ hier tatsächlich eine Postkarte?"

Johabu: "Ich habe im Moment Wichtigeres zu tun. Und ich warte, bis der mir eine vom Champs-Élysées schickt, oder vom Place des Victoires. Bis dann."

Marsola: "Wann sehen wir uns wieder?"

Johabu: "Nach dem Krieg, anlässlich der zeremoniellen Unterzeichnung des bilateralen Friedensabkommens. Wir werden uns gegenseitig die Hand schütteln."

Marsola: "Sehr anständig, sehr anständig."

Johabu: "Setz dir eine Sonnenbrille auf, Blitzlichter blenden."



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