| "Einen Moment, bitte", rief er. Was er wohl von mir
will? Bestimmt nur was kleines, denn zu mehr reicht ein Moment nicht
aus; eine Auskunft vielleicht, oder eine kleine Handreichung. Was es
auch sein mag, er wird es in diesem Moment wollen, und es wird ihm in
diesem Moment wichtiger sein als alles andere. Also entspreche ich seiner
Bitte und setze mich auf einen Stuhl. Ich muss es jetzt, in diesem Moment
tun, denn wann sollte ich mich denn sonst hinsetzen? In einem vergangenen
Moment? Das ist nicht mehr möglich, weil sich ja jeder Moment schliesst,
sobald der nächste um die Ecke kommt; so, als fürchte sich der gegenwärtige
vor dem zukünftigen, als wolle der aktuelle dem nächsten unter keinen
Umständen begegnen. Dadurch wird jeder Moment in einem einzigen Moment
vom Moment zum Monument. Bloss wegen eines kommenden wird der gegenwärtige
zum vergangenen. Selbstverständlich könnte ich mich auch in einem späteren
Moment noch hinsetzen, aber das müsste ich jetzt, in diesem Moment entscheiden.
"Einen Moment, bitte", rief er. Es ist sein gutes Recht,
mich um einen Moment zu bitten - falls er denn tatsächlich von mir einen
haben will und annimmt, ich könne ihm einen zur Verfügung stellen. Obwohl
mir im Moment seine Bitte um einen Moment harmlos zu sein scheint, so
will ich sie dennoch nicht als Bagatelle abtun, denn Wertzumessungen
sind immer subjektiv. Worum sollte er mich denn sonst bitten, wenn nicht
um einen Moment? Was er auch von mir erbäte, es würde mich in jedem
Fall einen Moment kosten. Alles, was geschieht, geschieht in einem Moment.
Wurde er selbst nicht in einem Moment geboren? Lebt er nicht von einem
zum anderen Moment? Immer nur in einem gleichzeitig? Wird er nicht auch
in einem Moment sterben müssen? Zur Welt kommen, leben, lieben, hoffen,
weinen, sterben: alles tut er in einem Moment. In einem vergangenen
Moment kann er nicht leben, denn dieser hielt seine Chance nur einmal
und nur während eines einzigen Momentes hin; gewiss, er könnte sich
an vergangene Momente erinnern, aber selbst die Erinnerung kommt in
einem einzigen, und zwar im aktuellen Moment hoch. Er wird - so hoffen
wir in diesem Moment doch alle - auch in kommenden Momenten leben dürfen,
aber das hängt davon ab, ob er in diesem Moment (auch) lebt und ob er
in diesem Moment etwas für zukünftige tut. Huch!, er bat mich um ein
ganzes Leben!
"Einen Moment, bitte", rief er. Wie klug von ihm, mich
um einen Moment zu bitten, denn Momente hat man nie genug; man will
ja leben. Er allein konnte bestimmen, womit er den eben verschwundenen
Moment füllen will, ob mit Gedanken, mit Worten oder mit Taten; er hat
sich gleich für alle Drei entschieden und an mich gedacht, mich um einen
Moment gebeten und kommt mir nun entgegen. Diese Entscheidung fällte
er in einem Moment. Jemand musste ihm einen geschenkt haben, denn ohne
einen Moment zur Verfügung zu haben kann man sich nicht entscheiden,
weil einem nur der aktuelle Moment die Chance gibt, sich zu entscheiden.
Ob er weiss, wer der Schenkende war und immer noch ist? Vielleicht.
Aber ob er auch in Erwägung zieht, dass dieser ihm nicht ewig Momente
schenken könnte?
"Einen Moment, bitte", rief er. Er will von mir bestimmt
nicht einen Moment für sich selbst haben, denn zum einen hat er ja bereits
einen geschenkt erhalten - und zwei Momente gleichzeitig kann man nun
mal nicht erleben - und zum andern könnte ich ihm ja auch keinen der
meinen geben, denn Momente kann nur jener verschenken, der genügend
davon hat, also aus einer Fülle von Momenten - aus einer Ewigkeit -
schöpfen kann. Ich selbst verfüge ja bloss über einen einzigen, und
den habe ich ebenfalls geschenkt erhalten. Ich unterstelle ihm nicht,
mir einen meiner Momente stehlen zu wollen, denn was wollte er denn
mit zwei Momenten gleichzeitig tun. Selbst wenn mir danach wäre, könnte
ich ihm keinen meiner Momente schenken, denn einmal geschenkt erhaltene
kann man nicht verschenken; er mir nicht seinen und ich ihm nicht meinen,
niemand niemandem einen; sie sind persönlich und nicht übertragbar.
"Einen Moment, bitte", rief er. Seine Bitte entsprang
bestimmt einer kommunistischen Grundhaltung, schien es ihm doch in jenem
Moment wichtig zu sein, dass er und ich, wir beide, unsere Momente zusammenlegen
würden - wenn auch nur für einen Moment. Schliesslich hätten wir sie
ja auch vom selben Geber erhalten, unsere beiden Momente; weshalb sollten
wir sie also nicht für einen Moment zusammenlegen. Obwohl sie persönlich,
also nicht übertragbar sind, können wir sie doch zusammenlegen; nicht
die eigenen miteinander, denn die schlüpfen uns stets durch die Finger,
aber den eigenen mit dem eines anderen. Momente, die nicht hintereinander,
sondern nebeneinander oder übereinander gelegt werden, gewinnen an Kraft,
können mehr tragen, halten mehr aus. Wenn ich für einen Moment meinen
Moment mit dem seinen zusammenlege, wird der daraus entstehende Doppelmoment
nicht nur mehr Gewicht haben, sondern wird sich vermehren - wenn auch
nicht in diesem Moment, so aber doch in kommenden. Eine Investition
in die Zukunft.
"Einen Moment, bitte", rief er. Ich setzte mich auf einen
Stuhl. Das war in jenem Moment das Beste, was ich habe tun können, denn
das gab uns beiden die Möglichkeit, gemeinsam darüber nachzudenken,
was denn wohl in jenem Moment das Wichtigste war und was in zukünftigen
Momenten das Wichtigste sein wird: Toleranz gegenüber anderen Beschenkten
und Liebe zum Schenkenden. Der Moment also, so stellten wir in jenem
Moment zudem fest, ist ein trockenes Zeitkrümel, in dem sich das ganze
Leben abspielt. Und weiter: Grosszügig zusammengelegt und mit einem
bindenden Element getränkt, sind die Momente nicht nur stabiler, sondern
eröffnen einem die Möglichkeit, auf ihnen aufzubauen, also kommende
Momente vorzudefinierten und damit die Ewigkeit mitzubestimmen. Isolierte
Momente sind zu schwach dazu. Schliesslich: Dieses bindende Element
kann nichts anderes sein als die Liebe, denn nur sie vermag die engen
Grenzen der Momente zu dehnen. Sie wird es sogar fertigbringen, die
Grenzen eines noch kommenden Momentes in einem Moment aufzusprengen,
so dass daraus eine Ewigkeit entstehen wird.
"Einen Moment, bitte", rief er. Gerade noch rechtzeitig.
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