Momente eines Lebens

von Hugo Weyermann

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"Einen Moment, bitte", rief er. Was er wohl von mir will? Bestimmt nur was kleines, denn zu mehr reicht ein Moment nicht aus; eine Auskunft vielleicht, oder eine kleine Handreichung. Was es auch sein mag, er wird es in diesem Moment wollen, und es wird ihm in diesem Moment wichtiger sein als alles andere. Also entspreche ich seiner Bitte und setze mich auf einen Stuhl. Ich muss es jetzt, in diesem Moment tun, denn wann sollte ich mich denn sonst hinsetzen? In einem vergangenen Moment? Das ist nicht mehr möglich, weil sich ja jeder Moment schliesst, sobald der nächste um die Ecke kommt; so, als fürchte sich der gegenwärtige vor dem zukünftigen, als wolle der aktuelle dem nächsten unter keinen Umständen begegnen. Dadurch wird jeder Moment in einem einzigen Moment vom Moment zum Monument. Bloss wegen eines kommenden wird der gegenwärtige zum vergangenen. Selbstverständlich könnte ich mich auch in einem späteren Moment noch hinsetzen, aber das müsste ich jetzt, in diesem Moment entscheiden.

"Einen Moment, bitte", rief er. Es ist sein gutes Recht, mich um einen Moment zu bitten - falls er denn tatsächlich von mir einen haben will und annimmt, ich könne ihm einen zur Verfügung stellen. Obwohl mir im Moment seine Bitte um einen Moment harmlos zu sein scheint, so will ich sie dennoch nicht als Bagatelle abtun, denn Wertzumessungen sind immer subjektiv. Worum sollte er mich denn sonst bitten, wenn nicht um einen Moment? Was er auch von mir erbäte, es würde mich in jedem Fall einen Moment kosten. Alles, was geschieht, geschieht in einem Moment. Wurde er selbst nicht in einem Moment geboren? Lebt er nicht von einem zum anderen Moment? Immer nur in einem gleichzeitig? Wird er nicht auch in einem Moment sterben müssen? Zur Welt kommen, leben, lieben, hoffen, weinen, sterben: alles tut er in einem Moment. In einem vergangenen Moment kann er nicht leben, denn dieser hielt seine Chance nur einmal und nur während eines einzigen Momentes hin; gewiss, er könnte sich an vergangene Momente erinnern, aber selbst die Erinnerung kommt in einem einzigen, und zwar im aktuellen Moment hoch. Er wird - so hoffen wir in diesem Moment doch alle - auch in kommenden Momenten leben dürfen, aber das hängt davon ab, ob er in diesem Moment (auch) lebt und ob er in diesem Moment etwas für zukünftige tut. Huch!, er bat mich um ein ganzes Leben!

"Einen Moment, bitte", rief er. Wie klug von ihm, mich um einen Moment zu bitten, denn Momente hat man nie genug; man will ja leben. Er allein konnte bestimmen, womit er den eben verschwundenen Moment füllen will, ob mit Gedanken, mit Worten oder mit Taten; er hat sich gleich für alle Drei entschieden und an mich gedacht, mich um einen Moment gebeten und kommt mir nun entgegen. Diese Entscheidung fällte er in einem Moment. Jemand musste ihm einen geschenkt haben, denn ohne einen Moment zur Verfügung zu haben kann man sich nicht entscheiden, weil einem nur der aktuelle Moment die Chance gibt, sich zu entscheiden. Ob er weiss, wer der Schenkende war und immer noch ist? Vielleicht. Aber ob er auch in Erwägung zieht, dass dieser ihm nicht ewig Momente schenken könnte?

"Einen Moment, bitte", rief er. Er will von mir bestimmt nicht einen Moment für sich selbst haben, denn zum einen hat er ja bereits einen geschenkt erhalten - und zwei Momente gleichzeitig kann man nun mal nicht erleben - und zum andern könnte ich ihm ja auch keinen der meinen geben, denn Momente kann nur jener verschenken, der genügend davon hat, also aus einer Fülle von Momenten - aus einer Ewigkeit - schöpfen kann. Ich selbst verfüge ja bloss über einen einzigen, und den habe ich ebenfalls geschenkt erhalten. Ich unterstelle ihm nicht, mir einen meiner Momente stehlen zu wollen, denn was wollte er denn mit zwei Momenten gleichzeitig tun. Selbst wenn mir danach wäre, könnte ich ihm keinen meiner Momente schenken, denn einmal geschenkt erhaltene kann man nicht verschenken; er mir nicht seinen und ich ihm nicht meinen, niemand niemandem einen; sie sind persönlich und nicht übertragbar.

"Einen Moment, bitte", rief er. Seine Bitte entsprang bestimmt einer kommunistischen Grundhaltung, schien es ihm doch in jenem Moment wichtig zu sein, dass er und ich, wir beide, unsere Momente zusammenlegen würden - wenn auch nur für einen Moment. Schliesslich hätten wir sie ja auch vom selben Geber erhalten, unsere beiden Momente; weshalb sollten wir sie also nicht für einen Moment zusammenlegen. Obwohl sie persönlich, also nicht übertragbar sind, können wir sie doch zusammenlegen; nicht die eigenen miteinander, denn die schlüpfen uns stets durch die Finger, aber den eigenen mit dem eines anderen. Momente, die nicht hintereinander, sondern nebeneinander oder übereinander gelegt werden, gewinnen an Kraft, können mehr tragen, halten mehr aus. Wenn ich für einen Moment meinen Moment mit dem seinen zusammenlege, wird der daraus entstehende Doppelmoment nicht nur mehr Gewicht haben, sondern wird sich vermehren - wenn auch nicht in diesem Moment, so aber doch in kommenden. Eine Investition in die Zukunft.

"Einen Moment, bitte", rief er. Ich setzte mich auf einen Stuhl. Das war in jenem Moment das Beste, was ich habe tun können, denn das gab uns beiden die Möglichkeit, gemeinsam darüber nachzudenken, was denn wohl in jenem Moment das Wichtigste war und was in zukünftigen Momenten das Wichtigste sein wird: Toleranz gegenüber anderen Beschenkten und Liebe zum Schenkenden. Der Moment also, so stellten wir in jenem Moment zudem fest, ist ein trockenes Zeitkrümel, in dem sich das ganze Leben abspielt. Und weiter: Grosszügig zusammengelegt und mit einem bindenden Element getränkt, sind die Momente nicht nur stabiler, sondern eröffnen einem die Möglichkeit, auf ihnen aufzubauen, also kommende Momente vorzudefinierten und damit die Ewigkeit mitzubestimmen. Isolierte Momente sind zu schwach dazu. Schliesslich: Dieses bindende Element kann nichts anderes sein als die Liebe, denn nur sie vermag die engen Grenzen der Momente zu dehnen. Sie wird es sogar fertigbringen, die Grenzen eines noch kommenden Momentes in einem Moment aufzusprengen, so dass daraus eine Ewigkeit entstehen wird.

"Einen Moment, bitte", rief er. Gerade noch rechtzeitig.

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