Reina

Eine weihnachtliche Geschichte

von Hugo Weyermann

Alle Rechte vorbehalten



Reina war ein Mädchen mit langen, blonden Haaren. Wegen ihrer etwas spitzigen Nase wurde sie schon oft ausgelacht und gehänselt. Reina war ein Waisenkind; nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, wohnte sie bei Pflegeeltern. Herr und Frau Grollmann kümmerten sich aber nur wenig um Reina und beachteten sie kaum.

Wie jeden Abend sassen Herr und Frau Grollmann auch heute auf dem Sofa, schauten sich im Fernsehen eine Quiz-Show an und knabberten tonnenweise gesalzene Nüsse. Reina sass daneben auf einem Stuhl und tat so, als ob sie ebenfalls in den Bildschirm gucken würde; in Wirklichkeit aber blickte sie ins Leere, denn sie war traurig, sehr traurig. Nur mit Mühe konnte sie ihre Tränen zurückhalten.

Verzweifelt nahm sie all ihren Mut zusammen, stand auf und sagte: "O.K., heute ist doch Heilig Abend, nicht? Wir könnten doch Kerzen anzünden, wir könnten doch zusammen Lieder singen, wir könnten doch..."

"Setz dich wieder hin!", befahl ihr Herr Grollmann, "Ich kann ja nichts mehr hören."

Die kleine Reina gehorchte und liess sich enttäuscht zurück auf den Stuhl fallen. Noch nie hatte sie ihre Eltern so vermisst, wie in diesem Augenblick. "Wie schön wäre es doch", so dachte sie, "wenn mir jetzt meine Mama oder mein Papa im Kerzenlicht über meine Haare streichen würde. Wie schön, wenn wir zusammen ein Lied singen könnten."

Nach einer Weile stand Reina erneut auf und erklärte kleinlaut, sie sei todmüde und gehe deshalb jetzt schlafen.

Im Kinderzimmer angekommen, stülpte sie sich eine warme Jacke über, schlüpfte in die Stiefel und schlich sich zum Fenster raus. Die Nacht war klar und kalt. Wiesen und Dächer lagen unter einer dünnen Schneeschicht.

Reina schlenderte mit gesenktem Kopf durch die Strassen von Regensdorf. Sie fühlte sich alleine und hoffte, einem lieben Menschen zu begegnen, mit dem sie plaudern könnte. Aber in Regensdorf waren an diesem Abend die Strassen leer. "Bestimmt feiern alle Eltern mit ihren Kindern drinnen an der Wärme Heilig Abend", dachte Reina und wurde dabei noch trauriger.

"O.K., wenn ich hier niemanden treffe, gehe ich halt in eine grosse Stadt", überlegte sich Reina, "Dort werde ich bestimmt Leute treffen. Bis nach Zürich sind es ja nur ein paar Kilometer."

Nach einer halben Stunde kam sie am Katzensee vorbei. Da fällt ihr unverhofft ein Licht auf, das immer heller wird. Es war ein warmes und weiches Licht, wie das Licht von tausend Kerzen. Ohne erkannt zu haben, woher er gekommen ist, stand plötzlich ein wunderschöner Engel vor ihr.

Dieser sagte: "Ich kenne dich, Reina! Hast du Lust, ein Stück mit mir zu gehen?"

Reina musste nicht lange überlegen: "O.K.!", antwortete sie, "Sehr gerne sogar, ich bin nämlich immer ganz alleine! Wie heisst du denn?"

Der Engel lachte: "Diese Frage kann ich dir leider nicht beantworten, meine liebe Reina, wir Engel haben keine Namen."

"O.K., du hast also keinen Namen; aber wie ruft man denn nach dir, wenn du doch keinen Namen hast?", wollte Reina wissen.

"Ich habe zwar keinen Namen", erklärte der Engel, "aber ich habe einen Übernamen. Gegen Übernahmen hat der liebe Gott nämlich nichts einzuwenden." Dann beugte er sich nach vorne und ergänzte: "Man ruft mich 'Kinderengel'"

"O.K.! Ein schöner Übername. Und weshalb gerade 'Kinderengel'?"

"Ganz einfach, weil ich zum einen Kinder über alles lieb habe und zum andern nur Kinder mein Licht sehen können. Erwachsenen ist es verborgen." Der Engel nahm Reina bei der Hand und forderte sie auf: "Komm, wir gehen ein Stück!"

Jetzt war Reina nicht mehr traurig, im Gegenteil, sie war so glücklich wie noch nie zuvor. Die Hand des Kinderengels, an der sie ging, fühlte sich an, als wäre es die Hand von ihrem Papa. Und das Licht, das den Engel umgab, war so warm, dass sie ihren Pullover ausziehen konnte. Und durch die Geborgenheit, die der Kinderengel ausstrahlte, fühlte sich Reina wie in den Armen ihrer Mama.

Wie die beiden in den Stadtbezirk Affoltern kamen, blieb der Kinderengel stehen, bückte sich zu Reina hinab und sagte: "Nun wird es sich bald zeigen, ob du tatsächlich alleine warst." Dann hob er Reina auf seine Arme und ging mit ihr langsam weiter.

Reina konnte nun sehen, wie da und dort Kinder aus den Häusern kamen und sich an den Strassenrand stellten. Mädchen wie Jungen, grosse wie kleine. Einer der Buben ging an Krücken, eines der Mädchen sass im Rollstuhl. Alle wurden sie angezogen von diesem weichen, warmen Licht, das der Engel verbreitete und das nur Kinder erkennen können.

"Was sind das für Kinder?", fragte Reina den Engel.

"Das sind Kinder, die geliebt werden wollen - wie du", erklärte der Engel, und weiter: "Das sind Kinder, die nicht verstanden werden - wie du. Das sind Kinder, die oft ausgelacht und gehänselt werden - wie du. Das sind Kinder, die keine Eltern mehr haben - wie du."

Als Reina und der Kinderengel zum Stadtbezirk Seebach kamen, schaute Reina kurz zurück: Hinter ihnen hatte sich mittlerweile eine lange Schlange gebildet, so lange, dass sie deren Ende nicht erkennen konnte. Und jedes Kind, an dem sie vorbeigegangen waren, schloss sich hinten an. Reina war begeistert: "So viele?", fragte sie mit staunenden Augen.

"Ja", bestätigte der Engel, "so viele. - Hast du tatsächlich gedacht, du wärst alleine?"

Reina liess ihren Mund offen stehen und winkte den Kindern zu. Da sprach der Kinderengel weiter: "Und wir gingen erst durch zwei Stadtbezirke - die Stadt ist aber noch viel grösser. Und es gibt noch viele andere Städte und Dörfer, in vielen Ländern und Kontinenten. Überall hat es viele Kinder, die sich nach einem warmen, weichen Licht sehnen. - Nein, meine liebe Reina, du warst noch nie alleine."

"O.K., und was sollen wir nun mit all diesen Kindern tun?", fragte Reina besorgt.

Der Kinderengel ging in die Knie, setzte Reina ab, schloss dann ihre beiden Hände in die seinen ein und sprach: "Du und ich, wir beide werden zusammen mit den vielen Kindern Heilig Abend feiern." Nach einer Pause fügt er noch hinzu: "Geht das O.K.?"

Reina schaute in die vor ungetrübter Liebe strahlenden Augen des Kinderengels und sagte: "Das fragst du noch? Klar geht das O.K.! Werden wir dann - vielleicht - zusammen - ein Lied singen?"

Der Engel schmunzelte: "Wenn DU ein Lied anstimmst - klar doch!"

Reina hätte vor lauter Freude am liebsten Luftsprünge gemacht. Mit so vielen Kindern zusammen Heilig Abend feiern und dabei noch ein Lied anstimmen zu dürfen - so was hätte sie sich selbst im Traum nicht zu hoffen getraut.

Als die ganze Schar in Seebach an einer grossen Kirche vorbeikam, öffnete der Engel die Tür und winkte allen Kinder zu, sie sollen doch mit reinkommen.

Reina war erneut sehr erstaunt, war doch der Kirchensaal voller Leute. Als ob die vielen Erwachsenen die Kinder erwartet hätten, erhoben sie sich nun alle von den Bänken und schauten zur Eingangstüre. Die Kinder, angeführt vom Kinderengel und von Reina, marschierten nun zwischen den applaudierenden Leuten durch und stellten sich ganz vorne in einem Halbkreis auf.

Nun wurde es mucksmäuschen still in der Kirche. Der Kinderengel schubste Reina leicht am Oberarm und gab ihr damit zu verstehen, sie solle doch ein paar Schritte vortreten. Der kurze Blick ins Gesicht des Engels verlieh Reina den dazu erforderlichen Mut. Sie ging etwas vor und sprach: "O.K., liebe Leute, schön dass ihr gekommen seid." Dann schaute sie zurück zum Engel: dieser hielt die rechte Faust vor den Mund und konnte ein leises Kichern nicht unterdrücken.

Reina erwiderte das Grinsen, wandte sich dann aber wieder dem Publikum zu und fuhr fort: "O.K.! Wir Kinder sind hierher gekommen, weil wir uns an Heilig Abend keine doofen Fernsehshows angucken mögen. Wir Kinder sind alle hierher gekommen, weil wir mit unseren Sorgen alleine gelassen wurden. Wir Kinder sind alle hierher gekommen, weil wir geliebt oder zumindest beachtet werden wollen. Und wir sind hierher gekommen, weil wir leben wollen! Weil wir HEUTE leben wollen und weil wir in ZUKUNFT leben wollen. Und wir sind hierher gekommen, weil..." - plötzlich stockte Reina, denn sie glaubte, in den Reihen der Zuhörer ihre Eltern erkannt zu haben - leider nur für einen kurzen Augenblick. Mit zittriger Stimme fuhr sie fort: "Und wir sind hierher gekommen, weil - weil - weil wir manchmal so traurig sind."

Dann wandte sie sich den Kindern zu und wollte ein Lied anstimmen. Bevor sie aber begann, schaute sie noch einmal in die Augen des Kinderengels und fragte: "O.K., lieber Kinderengel, eine Frage hätte ich noch: Weshalb bist du nicht schon früher gekommen?"

"Ich war schon immer da!", sagte der Kinderengel, "Ihr habt bisher nur nicht auf mein Licht geachtet. Habt ihr denn tatsächlich geglaubt, ich würde euch alleine lassen? Ich, der euch doch von Herzen lieb hat?"

Jetzt war für Reina der Augenblick gekommen, ein Lied anzustimmen.


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