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Will man versuchen, den Zusammenhang von Sein und Leben zu erkennen, muss man das Feld labiler Grundsätze verlassen und in eine Gegend wandern, die frei ist von Erziehungszwiebeln, Wissenschaftsblüten und Traditionsgestrüpp; immer schon haben Stürme plötzlich alles entwurzelt und Erdbeben jäh alles verwüstet - weshalb sollte das aufhören zu geschehen?
Darüber denke ich nach: Ist das, was wir "Leben" nennen, tatsächlich das Leben? Oder spielen wir vielleicht etwas hoch, das "nur" Vorbereitung für ein Leben ist? Für ein Leben, welches einmal ohne Ende gelebt werden darf? Gelebt werden muss?
Geht es in dieser Vorstufe zu einem Leben vielleicht erst mal darum herauszufinden, was, wer und wie wir sind; und - vor allem - als was, als wer und wie wir einst leben wollen? Leben müssen? Ist also das, in dem wir stecken, noch gar nicht das Leben, sondern "nur" die Vorbereitung darauf? Wobei eine Vorbereitung auf ein Leben - so denke ich - genau so wichtig wäre wie das Leben selbst, hinge dieses doch erheblich von der Vorbereitung darauf ab. Die Zeit der Entscheidung wäre die wichtigste Zeit - und zugleich die schwerste.
Geht es vielleicht darum zu entscheiden, als was, als wer und wie wir das Leben einst leben wollen? So, als dürfte ein freier Same selbst entscheiden, als was er mal blühen will? Wie aber wollte er zu einer Entscheidung kommen? Und wie wir? Wären vielleicht Enttäuschungen Entscheidungshilfen? Wären vielleicht Leid und Kummer Wegweiser? Wäre Freude Erholung und Erfolg Stärkung? Immerhin: ohne Orientierung keine Entscheidung! Wie sonst wollten wir uns gut entscheiden, wenn nicht durch vergleichen und abwägen? Verhielte es sich gar so, dass wir angewiesen wären auf Tränen? Ob in Freude oder in Leid? Wie sonst wollten wir herausfinden, was wir sind, wer wir sind und wie wir sind, wenn nicht durch spüren und erfahren? Wie sonst wollten wir uns gut entscheiden, als was, als wer und wie wir das Leben einst leben wollen, wenn nicht durch probieren, schmecken und kosten?
Diente uns alles, was uns heute begegnet - sei's Pech oder Glück, Schmerz oder Wohlgefühl, Enttäuschung oder Erfolg - als Spiegel, ohne den wir uns nicht herrichten könnten? Herrichten für ein Leben? Für jenes Leben, für welches wir uns heute zu entscheiden hätten? Entscheiden müssten?
Ein einsames Leben würde es nicht werden - müssten wir da nicht schon im Sein Gemeinschaft und Verständnis üben! Uns also so herrichten, dass man einst unsere Gesellschaft wird suchen wollen? Das Leben würde anders werden als unser Sein: woanders müsste es sein, weiter, höher, lieber, heller, farbiger, ruhiger, intensiver, freundlicher, freudiger, länger. Vielleicht gar ewig?
Wenn dem allem so wäre: Müssten wir heute nicht Enttäuschungen geradezu suchen? Uns über Leid freuen? Tränen erwarten? Nur damit könnten wir erkennen, was, wer und wie wir sind; nur damit könnten wir entscheiden, als was, als wer und wie wir einmal sein wollen.
Aber: Könnte man das? Wäre das zu erreichen? Nein. Und wenn doch, dann höchstens für ein paar Augenblicke, während denen es uns gelänge, das Feld voller Erziehungszwiebeln, Wissenschaftsblüten und Traditionsgestrüpp zu verlassen.
Dennoch würde unser Sein, in dem wir noch stecken, leicht und herrlich, sähen wir doch darin gleich zwei einmalige Chancen: nämlich zu erkennen, was, wer und wie wir sind und zu entscheiden, was, wer und wie wir einmal sein wollen. Durch das Erkennen der Zusammenhänge würde unser Sein einfacher, und durch das Bestimmen von Aufgabe und Ziel wertvoller.
Allein im Sein wäre Zeit, uns fürs Leben herzurichten.
Was, wen dem so wäre?
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