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Das Schöne am Wald im Winter ist, dass man durch das
kahle Geäst hindurch immer wieder den Himmel sieht und die Sonne fast
ungehindert hineinfließen kann. Das macht ihn schön und hell, den Wald;
mag er einen in noch so anstößig knappem Gewand empfangen. Und wenn
dann, wie heute, eine Prise Schnee die sanft aus Ästen gefallenen und
nun gelangweilt herumsitzenden Blätter überzieht, ist's motivierend
von Licht erfüllt und es zeigt sich manches Leben, wenn auch oft nur
durch irgendwelche Spuren. Es liegt alles offen da, weil sich in diesem
Schwall von Licht nichts verbergen kann; diese wahre Helligkeit löst
die letzten Geheimnisse in Luft auf; da hat keine Lüge mehr Platz, da
haben es schon Vermutungen schwer; es liegt alles offen da, wie in einer
Kinderseele, welche weder Falsch noch Bosheit kennt, weder List noch
Berechnung.
Niemand zeigt uns auf so eindrückliche und unmissverständliche
Art, was Hoffnung ist, wie der Wald im Winter: Bäume stehen da, wie
Skelette so tot - doch schon in wenigen Monaten finden wie jeden Frühling
tausendfach Auferstehungen statt und aus längst Totgeglaubtem schießt
einfaches aber vielfältiges Leben hervor, buntes Leben, fruchtbares
Leben, freudiges und freundliches Leben - man sieht es dem Wald an,
dass er eine derart vergnügliche Hoffnung in sich trägt.
Hie und da hört man die grelle und doch scheue Sonne
tropfen, ansonsten scheint alles steif zu sein oder eben: scheinbar
tot; doch niemandem käme es in den Sinn, zu behaupten, der Wald sei
gestorben; die sich uns erbarmende Erfahrung hat uns allen den Glauben
an ein immer wieder hervorbrechendes Leben erleichtert. Die Vögel erhalten
durch ihr Dennoch- und Jetzt-erst-recht-Pfeifen Boden, Bäume und Sträucher
am Leben - trotz der Kälte; sie pfeifen positiv und denken auch so.
Nie ist es schwieriger für sie, Nahrung zu finden, wie in dieser Jahreszeit,
und doch pfeifen sie vergnügt und lustig die Gegend voll, im Vertrauen,
ihr Schöpfer würde sie schon nicht verhungern und den Wald schon nicht
sterben lassen. Was wäre ein Leben ohne Vertrauen? Selbst wenn solches
unter Menschen hin und wieder verletzt oder gar missbraucht wird: das
Mensch-Sein kommt nicht ohne Vertrauen aus. Ohne Vertrauen würde das
Leben zu einer Hölle werden.
Die drei bemoosten Baumstämme, die am Wegrand liegen,
sind hingegen tatsächlich tot; dennoch nicht unnütz, bieten sie doch,
wie ich stark vermute, vielen anderen Lebewesen - wenn auch nicht immer
den einzigen Grund zu leben, so doch zumindest - ein Zuhause. Gelebtes
altes Leben kann und muss neuem jungen Leben dienen; das ist das Grundprinzip
der Gesellschaft und zugleich Anlass zu der Vermutung, Ewigkeit könne
schließlich nur durch das Produkt immerwährender Vergänglichkeit geschaffen
werden.
Irgendwo da oben klopft müde ein Specht. Der nahe Himmel
ist schön, prächtig blau, und von einem weissen Strich in zwei Teile
geschnitten worden. Der kalte Nordostwind lässt mich die Jacke bis unter
das Kinn zuknöpfen; er fegt über den raschelnden Blätterboden, als wolle
er ihn aus dem weihnachtlichen Schneepapier klauben. Ich gehe deshalb
weiter in Richtung einer irgendwo vermuteten windgeschützten Stelle.
Auf beiden Seiten des Weges sind schön ordentlich konstruierte
Holzstapel; sie strahlen mir in der Kälte Behaglichkeit, ja Wärme entgegen
- das Wellblechdach gibt ihnen ein Zuhause. In Gesellschaft zu sein
und ein Dach über dem Kopf zu haben scheinen mir also zwei sehr wertvolle
Vorzüge zu sein. Holz, besonders geschlagenes und schon trockenes, dünkt
mich beim Betrachten immer warm zu sein; wenn ich es dann aber berühre,
ist es doch meistens kälter als meine Hand. Das zeigt, wie hartnäckig
und wie lange sich in unseren Köpfen die Gedankenverbindung zum wärmenden
Holzofen hat halten können, und welche Auswirkungen solche Assoziationen
auf unser Empfinden und somit auf unser Leben haben. Achten wir also
peinlich genau darauf, von wem wir uns Bilder in den Kopf brennen lassen
- was meistens unbewusst geschieht - und welchen Einflüssen wir unsere
Kinder ausgesetzt lassen.
Wenn die Sonne mit ihren weichen Strahlen die hohen Tannenspitzen
streichelt, wodurch deren Grün satter und lieblicher wird, möchte man
diese malen, so schön sind sie. Die Sonne hat bereits allen Schnee von
ihren standhaft angewinkelten Ästen weggeküsst und ich gewinne erneut
den Eindruck, die Bäume warteten schon auf den Frühling - dabei ist's
doch erst Weihnachten... Recht haben sie, es ist zum Hoffen nie zu früh!
In einer Lichtung bleibe ich stehen, es ist idyllisch
hier: Schnee bedeckt Blätter, Gräser, niedrige Büsche, Äste und was
da sonst noch auf dem Boden liegen dürfte, und die Sonne lässt das Weiss
glänzen als wäre der Schnee mit einer süßen Glasur aus Kristallsand
überzogen. Ich muss meine Augen etwas zukneifen; für so viel Licht ist
der Mensch nicht geschaffen. Eine Hasenspur zeigt mir, dass ich nicht
der Einzige bin, der die Schönheit dieses Plätzchens zu schätzen weiss.
Ich gehe weiter, um nach ein paar langsamen Schritten
erneut stehen zu bleiben: Wenn ich wieder hinauf in den Himmel schaue,
sehe ich jetzt nur eine einzige Tannenspitze; manchmal löst sich etwas
Schnee von ihren Ästen, der dann langsam zu Boden zuckert. Fettes aber
feines Grün und warmes, heimeliges Braun vor einem sehnsüchtigen Blau,
da und dort mit wenig Weiss veredelt - kann man ein prächtigeres Bild
malen? Alle Umrisse sehe ich durch die klare und saubere Luft hindurch
ganz scharf, und doch scheint alles ineinander überzugehen und ins Andere
zu fließen: sich in eine Gesellschaft einzufügen heisst nicht, seine
Individualität aufzugeben, im Gegenteil: gerade das Originelle macht
die Gesellschaft so facettenreich und verleiht ihr Spannung. Tod dem
Einheitsbrei! In die Wüste mit der Standardgesellschaft! Zur Hölle mit
allem Geklonten! - Es lässt sich nicht ein kleines Kind finden, das
genau so ist wie ein anderes kleines Kind, das je über diese Erde gekrochen
ist oder noch kriechen wird: jeder Mensch ist ein Individuum, in gewissem
Sinn immer auch ein Einzelgänger und Einzelkämpfer. Gäbe es einen einzigen
perfekten Menschen, müsste es um ihn herum keine weiteren Menschen mehr
geben, denn er selbst würde ja alle Begabungen für sich in Anspruch
nehmen. Da es aber diesen - bestimmt bedauernswerten - Menschen nicht
gibt, sind die Begabungen auf viele Köpfe und auf viele Herzen verteilt
und deshalb sind wir alle aufeinander angewiesen. Das Gesellschaftsbild
ist ein Puzzle: jeder setze sich an die Stelle, wo er hin gehört, wo
er sich wohl fühlt weil er dort hineinpasst, und wo er gebraucht wird
und als ein Teil eines wunderbaren Bildes geschätzt wird. Gibt es in
einem Puzzle zwei gleiche Teile?
Die Stille tut gut, so gut, dass ich nicht weitergehen
will. Aber im Verweilen werden meine Füße kalt, also gehe ich halt.
Aber man müsste länger in lieblicher Stille rasten können: sie ist rar
geworden, die Kostbare und Edle, denn sie bekommt es mehr und mehr mit
der aufdringlichen, nicht aufzuhaltenden und alles verätzen wollenden
Zeit zu tun; welch harter und - so meine ich - unsportlicher Kampf!
Dass ausser mir kein Mensch im Wald ist, wundert mich,
täte diese natürliche Schönheit oder diese schöne Natürlichkeit doch
jedem gut, besonders den Genervten, den Verzweifelten und den Materialisten.
Ich sehe ein Vogelkästchen an einem Baumstamm hängen;
sicher eine Sommerresidenz einer Saisonier-Vogelfamilie, die jedes Jahr
die Gegend lustigpfeifen kommt.
Im niedrigen hübschen Tannenwäldchen, welchem ich jetzt
entgegengehe, scheint der Boden ganz trocken zu sein. Und es kommt mir
vor, als wäre dieses Tannenwäldchen die gemütliche Stube des Waldes,
als könnte ich mich hier auf den Boden setzen um auszuruhen oder mich
sogar hinlegen um zu schlafen, derart trocken, schön weich und einladend
aufgeräumt sieht's aus. Aber ich muss weiter, es ist kalt.
Wieder eine Lichtung! diesmal eine etwas größere: auf
der rechten Seite des Weges und auf dem Weg selbst liegt ordentlich
Schnee, am linken Wegrand hat's viele halbhohe Laubbäume: das ist die
Sonnenseite, weshalb hier kaum Schnee liegt. Es raschelt ununterbrochen,
weil die flach einstrahlende Sonne die Schneebäuschchen abtropfen lässt,
welche noch vereinzelt auf halb verdorrten und sich zusammengerollten
braunen Blättern liegen - eine wunderbare Szene, vor heiterer Kulisse
vorgeführt und vom Wind symphonisch leicht dramatisiert. Jetzt dringt
die Wärme bis unter meine Jacke und von den Füssen her steigt ein Kräuseln
auf, das sich im Bauch wie Lampenfieber anfühlt und das dann in den
Schultern ein kurzes Schütteln auslöst: Wärme ist lieblich, und Liebliches
bewegt halt die Seele immer. Erneut muss ich meine Augen etwas zukneifen,
wenn ich rechts rüber zu den mit Schneekristall fast ganz bedeckten
Weihnachtsbäumchen schaue.
Am weit heruntergefallenen Himmel sehe ich jetzt noch
einen zweiten weissen Strich, etwas fetter als der erste: wo fliegen
die Leute nur hin, wenn's doch hier so schön wäre?
Ich vermute, dass mich jemand beobachtet und mir zuschaut,
wie ich hier stehe und stumm und allein ins Leben schaue und seine Liebe
heraussauge: bestimmt das eine oder andere Tier, das mich aus seinem
Versteck heraus kritisch mustert; sicher wird mich auch Gott betrachten,
der immer aufmerksam werden dürfte, wenn sich der eine Teil seines Werkes
am anderen erfreut.
Was holen wir an Weihnachten ein Tännchen in die Stube?
Lieber sollten wir die Stube in den Wald verlegen. Gut, hier draussen
in freier Natur hat man es mit rauhem und ungeniertem Klima zu tun,
aber in so mancher warmen Weihnachtsstube vermag sich leider keine warme
und liebliche Atmosphäre ausbreiten - wie bedaure ich diese Kinder...
Zum Glück gibt es Bäume, die ihre Blätter - obwohl schon
dürr und zusammengerollt - bis in den Winter hinein partout nicht hergeben
wollen; so kann der Wind auch im Winter etwas Musik in den Wald bringen:
er lässt die Blätter rascheln, mal laut, mal leise, mal lieblich, mal
warnend bissig, mal lieblich fein, dann wieder zänkisch; halt launisch,
wie er so ist.
Ein paar Schritte weiter leuchtet die Sonne einen Korridor
in einen hohen und engen Tannenwald, so, dass mich dünkt, die Bäume
rufen zu hören: "Hereinspaziert! Heute ist alles klar geworden, was
noch vor kurzem zermürbende Ungewissheit war." Ich lasse mich locken
und trete ein, trotz schlechtem Schuhwerk. So flach zeigt die Sonne
nur im Winter in den Wald, beleuchtet also nur während einer kurzen
Zeit Dinge, die dann wieder für ein Jahr verborgen bleiben. Wer's nicht
anschauen geht ist selber schuld, wer jetzt daheim hockt und fernsieht,
verpasst die enthüllten Geheimnisse in der Nähe. Man muss das Glück
fassen, wenn es sich zeigt; muss sich umsehen, wenn's hell ist; soll
genießen, wenn sich dazu die Gelegenheit gibt.
Wie ein junger Hund möchte ich jetzt vor lauter Entzücken
kreuz und quer über den weichen Waldboden tanzen, über Äste hüpfen,
mich im trockenen Laub wälzen und alles beschnuppern gehen, aber dann
würden mich zufällig Herblickende bestimmt - und vordergründig sogar
berechtigterweise - Spinner schimpfen; also tu ich's nicht, jedenfalls
noch nicht.
Ich gehe wieder ein paar Schritte, bleibe dann aber ein
weiteres Mal stehen: hier wurde alles abgeholzt, hier wird neu aufgeforstet:
die wegen befürchtetem Rehverbiss eingefassten jungen Pflanzen zeugen
davon. Mir wird kalt. Überall dort, wo Menschen Hand an die Natur legen,
scheint der Wind ungehemmter einzudringen - mich friert, ich gehe schneller.
Der Weg vor mir liegt im Schatten - ich spüre meine Zehen nicht mehr.
In der Ferne kläfft ein Hund, manchmal gellt er sich fast die Kehle
raus; ob er wildert?
Verflixt, ich bin träumend auf die Schattenseite geraten.
Aber ich muss hier durch! Trotz und gerade wegen meiner kalten Füße.
In diesem Leben hält leider Schönes, Sonniges, Warmes, Erfreuliches,
Gutes, Liebes, Erbauliches und Stilles nur einen Moment an, während
es einen dünkt, alles Schlechte, Üble, Kalte, Niederträchtige und Elende
bleibe viel länger; wär's nicht so, lebten wir in einer Herrlichkeit.
Es gilt also, nach sonnigen, schönen Momenten zu haschen, in ihnen zu
verweilen, sie dankbar festzuhalten und sie in vollen Zügen zu genießen;
und es gilt ebenso, die Schattenseite so zügig wie nur möglich zu durchwandern
- schon nur der kalten Füße wegen.
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