Der Wald im Winter

von Hugo Weyermann

Alle Rechte vorbehalten


Das Schöne am Wald im Winter ist, dass man durch das kahle Geäst hindurch immer wieder den Himmel sieht und die Sonne fast ungehindert hineinfließen kann. Das macht ihn schön und hell, den Wald; mag er einen in noch so anstößig knappem Gewand empfangen. Und wenn dann, wie heute, eine Prise Schnee die sanft aus Ästen gefallenen und nun gelangweilt herumsitzenden Blätter überzieht, ist's motivierend von Licht erfüllt und es zeigt sich manches Leben, wenn auch oft nur durch irgendwelche Spuren. Es liegt alles offen da, weil sich in diesem Schwall von Licht nichts verbergen kann; diese wahre Helligkeit löst die letzten Geheimnisse in Luft auf; da hat keine Lüge mehr Platz, da haben es schon Vermutungen schwer; es liegt alles offen da, wie in einer Kinderseele, welche weder Falsch noch Bosheit kennt, weder List noch Berechnung.

Niemand zeigt uns auf so eindrückliche und unmissverständliche Art, was Hoffnung ist, wie der Wald im Winter: Bäume stehen da, wie Skelette so tot - doch schon in wenigen Monaten finden wie jeden Frühling tausendfach Auferstehungen statt und aus längst Totgeglaubtem schießt einfaches aber vielfältiges Leben hervor, buntes Leben, fruchtbares Leben, freudiges und freundliches Leben - man sieht es dem Wald an, dass er eine derart vergnügliche Hoffnung in sich trägt.

Hie und da hört man die grelle und doch scheue Sonne tropfen, ansonsten scheint alles steif zu sein oder eben: scheinbar tot; doch niemandem käme es in den Sinn, zu behaupten, der Wald sei gestorben; die sich uns erbarmende Erfahrung hat uns allen den Glauben an ein immer wieder hervorbrechendes Leben erleichtert. Die Vögel erhalten durch ihr Dennoch- und Jetzt-erst-recht-Pfeifen Boden, Bäume und Sträucher am Leben - trotz der Kälte; sie pfeifen positiv und denken auch so. Nie ist es schwieriger für sie, Nahrung zu finden, wie in dieser Jahreszeit, und doch pfeifen sie vergnügt und lustig die Gegend voll, im Vertrauen, ihr Schöpfer würde sie schon nicht verhungern und den Wald schon nicht sterben lassen. Was wäre ein Leben ohne Vertrauen? Selbst wenn solches unter Menschen hin und wieder verletzt oder gar missbraucht wird: das Mensch-Sein kommt nicht ohne Vertrauen aus. Ohne Vertrauen würde das Leben zu einer Hölle werden.

Die drei bemoosten Baumstämme, die am Wegrand liegen, sind hingegen tatsächlich tot; dennoch nicht unnütz, bieten sie doch, wie ich stark vermute, vielen anderen Lebewesen - wenn auch nicht immer den einzigen Grund zu leben, so doch zumindest - ein Zuhause. Gelebtes altes Leben kann und muss neuem jungen Leben dienen; das ist das Grundprinzip der Gesellschaft und zugleich Anlass zu der Vermutung, Ewigkeit könne schließlich nur durch das Produkt immerwährender Vergänglichkeit geschaffen werden.

Irgendwo da oben klopft müde ein Specht. Der nahe Himmel ist schön, prächtig blau, und von einem weissen Strich in zwei Teile geschnitten worden. Der kalte Nordostwind lässt mich die Jacke bis unter das Kinn zuknöpfen; er fegt über den raschelnden Blätterboden, als wolle er ihn aus dem weihnachtlichen Schneepapier klauben. Ich gehe deshalb weiter in Richtung einer irgendwo vermuteten windgeschützten Stelle.

Auf beiden Seiten des Weges sind schön ordentlich konstruierte Holzstapel; sie strahlen mir in der Kälte Behaglichkeit, ja Wärme entgegen - das Wellblechdach gibt ihnen ein Zuhause. In Gesellschaft zu sein und ein Dach über dem Kopf zu haben scheinen mir also zwei sehr wertvolle Vorzüge zu sein. Holz, besonders geschlagenes und schon trockenes, dünkt mich beim Betrachten immer warm zu sein; wenn ich es dann aber berühre, ist es doch meistens kälter als meine Hand. Das zeigt, wie hartnäckig und wie lange sich in unseren Köpfen die Gedankenverbindung zum wärmenden Holzofen hat halten können, und welche Auswirkungen solche Assoziationen auf unser Empfinden und somit auf unser Leben haben. Achten wir also peinlich genau darauf, von wem wir uns Bilder in den Kopf brennen lassen - was meistens unbewusst geschieht - und welchen Einflüssen wir unsere Kinder ausgesetzt lassen.

Wenn die Sonne mit ihren weichen Strahlen die hohen Tannenspitzen streichelt, wodurch deren Grün satter und lieblicher wird, möchte man diese malen, so schön sind sie. Die Sonne hat bereits allen Schnee von ihren standhaft angewinkelten Ästen weggeküsst und ich gewinne erneut den Eindruck, die Bäume warteten schon auf den Frühling - dabei ist's doch erst Weihnachten... Recht haben sie, es ist zum Hoffen nie zu früh!

In einer Lichtung bleibe ich stehen, es ist idyllisch hier: Schnee bedeckt Blätter, Gräser, niedrige Büsche, Äste und was da sonst noch auf dem Boden liegen dürfte, und die Sonne lässt das Weiss glänzen als wäre der Schnee mit einer süßen Glasur aus Kristallsand überzogen. Ich muss meine Augen etwas zukneifen; für so viel Licht ist der Mensch nicht geschaffen. Eine Hasenspur zeigt mir, dass ich nicht der Einzige bin, der die Schönheit dieses Plätzchens zu schätzen weiss.

Ich gehe weiter, um nach ein paar langsamen Schritten erneut stehen zu bleiben: Wenn ich wieder hinauf in den Himmel schaue, sehe ich jetzt nur eine einzige Tannenspitze; manchmal löst sich etwas Schnee von ihren Ästen, der dann langsam zu Boden zuckert. Fettes aber feines Grün und warmes, heimeliges Braun vor einem sehnsüchtigen Blau, da und dort mit wenig Weiss veredelt - kann man ein prächtigeres Bild malen? Alle Umrisse sehe ich durch die klare und saubere Luft hindurch ganz scharf, und doch scheint alles ineinander überzugehen und ins Andere zu fließen: sich in eine Gesellschaft einzufügen heisst nicht, seine Individualität aufzugeben, im Gegenteil: gerade das Originelle macht die Gesellschaft so facettenreich und verleiht ihr Spannung. Tod dem Einheitsbrei! In die Wüste mit der Standardgesellschaft! Zur Hölle mit allem Geklonten! - Es lässt sich nicht ein kleines Kind finden, das genau so ist wie ein anderes kleines Kind, das je über diese Erde gekrochen ist oder noch kriechen wird: jeder Mensch ist ein Individuum, in gewissem Sinn immer auch ein Einzelgänger und Einzelkämpfer. Gäbe es einen einzigen perfekten Menschen, müsste es um ihn herum keine weiteren Menschen mehr geben, denn er selbst würde ja alle Begabungen für sich in Anspruch nehmen. Da es aber diesen - bestimmt bedauernswerten - Menschen nicht gibt, sind die Begabungen auf viele Köpfe und auf viele Herzen verteilt und deshalb sind wir alle aufeinander angewiesen. Das Gesellschaftsbild ist ein Puzzle: jeder setze sich an die Stelle, wo er hin gehört, wo er sich wohl fühlt weil er dort hineinpasst, und wo er gebraucht wird und als ein Teil eines wunderbaren Bildes geschätzt wird. Gibt es in einem Puzzle zwei gleiche Teile?

Die Stille tut gut, so gut, dass ich nicht weitergehen will. Aber im Verweilen werden meine Füße kalt, also gehe ich halt. Aber man müsste länger in lieblicher Stille rasten können: sie ist rar geworden, die Kostbare und Edle, denn sie bekommt es mehr und mehr mit der aufdringlichen, nicht aufzuhaltenden und alles verätzen wollenden Zeit zu tun; welch harter und - so meine ich - unsportlicher Kampf!

Dass ausser mir kein Mensch im Wald ist, wundert mich, täte diese natürliche Schönheit oder diese schöne Natürlichkeit doch jedem gut, besonders den Genervten, den Verzweifelten und den Materialisten.

Ich sehe ein Vogelkästchen an einem Baumstamm hängen; sicher eine Sommerresidenz einer Saisonier-Vogelfamilie, die jedes Jahr die Gegend lustigpfeifen kommt.

Im niedrigen hübschen Tannenwäldchen, welchem ich jetzt entgegengehe, scheint der Boden ganz trocken zu sein. Und es kommt mir vor, als wäre dieses Tannenwäldchen die gemütliche Stube des Waldes, als könnte ich mich hier auf den Boden setzen um auszuruhen oder mich sogar hinlegen um zu schlafen, derart trocken, schön weich und einladend aufgeräumt sieht's aus. Aber ich muss weiter, es ist kalt.

Wieder eine Lichtung! diesmal eine etwas größere: auf der rechten Seite des Weges und auf dem Weg selbst liegt ordentlich Schnee, am linken Wegrand hat's viele halbhohe Laubbäume: das ist die Sonnenseite, weshalb hier kaum Schnee liegt. Es raschelt ununterbrochen, weil die flach einstrahlende Sonne die Schneebäuschchen abtropfen lässt, welche noch vereinzelt auf halb verdorrten und sich zusammengerollten braunen Blättern liegen - eine wunderbare Szene, vor heiterer Kulisse vorgeführt und vom Wind symphonisch leicht dramatisiert. Jetzt dringt die Wärme bis unter meine Jacke und von den Füssen her steigt ein Kräuseln auf, das sich im Bauch wie Lampenfieber anfühlt und das dann in den Schultern ein kurzes Schütteln auslöst: Wärme ist lieblich, und Liebliches bewegt halt die Seele immer. Erneut muss ich meine Augen etwas zukneifen, wenn ich rechts rüber zu den mit Schneekristall fast ganz bedeckten Weihnachtsbäumchen schaue.

Am weit heruntergefallenen Himmel sehe ich jetzt noch einen zweiten weissen Strich, etwas fetter als der erste: wo fliegen die Leute nur hin, wenn's doch hier so schön wäre?

Ich vermute, dass mich jemand beobachtet und mir zuschaut, wie ich hier stehe und stumm und allein ins Leben schaue und seine Liebe heraussauge: bestimmt das eine oder andere Tier, das mich aus seinem Versteck heraus kritisch mustert; sicher wird mich auch Gott betrachten, der immer aufmerksam werden dürfte, wenn sich der eine Teil seines Werkes am anderen erfreut.

Was holen wir an Weihnachten ein Tännchen in die Stube? Lieber sollten wir die Stube in den Wald verlegen. Gut, hier draussen in freier Natur hat man es mit rauhem und ungeniertem Klima zu tun, aber in so mancher warmen Weihnachtsstube vermag sich leider keine warme und liebliche Atmosphäre ausbreiten - wie bedaure ich diese Kinder...

Zum Glück gibt es Bäume, die ihre Blätter - obwohl schon dürr und zusammengerollt - bis in den Winter hinein partout nicht hergeben wollen; so kann der Wind auch im Winter etwas Musik in den Wald bringen: er lässt die Blätter rascheln, mal laut, mal leise, mal lieblich, mal warnend bissig, mal lieblich fein, dann wieder zänkisch; halt launisch, wie er so ist.

Ein paar Schritte weiter leuchtet die Sonne einen Korridor in einen hohen und engen Tannenwald, so, dass mich dünkt, die Bäume rufen zu hören: "Hereinspaziert! Heute ist alles klar geworden, was noch vor kurzem zermürbende Ungewissheit war." Ich lasse mich locken und trete ein, trotz schlechtem Schuhwerk. So flach zeigt die Sonne nur im Winter in den Wald, beleuchtet also nur während einer kurzen Zeit Dinge, die dann wieder für ein Jahr verborgen bleiben. Wer's nicht anschauen geht ist selber schuld, wer jetzt daheim hockt und fernsieht, verpasst die enthüllten Geheimnisse in der Nähe. Man muss das Glück fassen, wenn es sich zeigt; muss sich umsehen, wenn's hell ist; soll genießen, wenn sich dazu die Gelegenheit gibt.

Wie ein junger Hund möchte ich jetzt vor lauter Entzücken kreuz und quer über den weichen Waldboden tanzen, über Äste hüpfen, mich im trockenen Laub wälzen und alles beschnuppern gehen, aber dann würden mich zufällig Herblickende bestimmt - und vordergründig sogar berechtigterweise - Spinner schimpfen; also tu ich's nicht, jedenfalls noch nicht.

Ich gehe wieder ein paar Schritte, bleibe dann aber ein weiteres Mal stehen: hier wurde alles abgeholzt, hier wird neu aufgeforstet: die wegen befürchtetem Rehverbiss eingefassten jungen Pflanzen zeugen davon. Mir wird kalt. Überall dort, wo Menschen Hand an die Natur legen, scheint der Wind ungehemmter einzudringen - mich friert, ich gehe schneller. Der Weg vor mir liegt im Schatten - ich spüre meine Zehen nicht mehr. In der Ferne kläfft ein Hund, manchmal gellt er sich fast die Kehle raus; ob er wildert?

Verflixt, ich bin träumend auf die Schattenseite geraten. Aber ich muss hier durch! Trotz und gerade wegen meiner kalten Füße. In diesem Leben hält leider Schönes, Sonniges, Warmes, Erfreuliches, Gutes, Liebes, Erbauliches und Stilles nur einen Moment an, während es einen dünkt, alles Schlechte, Üble, Kalte, Niederträchtige und Elende bleibe viel länger; wär's nicht so, lebten wir in einer Herrlichkeit. Es gilt also, nach sonnigen, schönen Momenten zu haschen, in ihnen zu verweilen, sie dankbar festzuhalten und sie in vollen Zügen zu genießen; und es gilt ebenso, die Schattenseite so zügig wie nur möglich zu durchwandern - schon nur der kalten Füße wegen.

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